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Ein Team: v.l. K. Strohhöfer, K. Decker, B. Gögelein, M. Aiff-Tan und J. Fluhrer. Foto: Weber |
Beratungsstelle der Diakonie baut Angebot und Personalbestand aus
Die seelischen Nöte häufen sich ROTHENBURG – Mit einem erweiterten Angebot und mit verstärktem Personalbestand reagiert die Beratungsstelle für seelische Gesundheit der Diakonie am Milchmarkt auf den größeren Bedarf. Als Nachfolgerin von Diplom-Sozialpädagoge Manfred Köpp hat inzwischen Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin Kathrin Strohhöfer die Leitung übernommen. Sie führt alle vier Beratungsstellen im Landkreis mit ihren insgesamt elf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von der Zentrale in Ansbach aus. Ins Team in Rothenburg ist mit Diplom-Sozialpädagogin Kerstin Decker eine zusätzliche Kraft nachgerückt. Sie kommt vom Sonderpädagogischen Förderzentrum I in Bad Windsheim. Vorher hat sie in der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik auf Schloss Werneck und an der Würzburger Beratungsstelle für Ehe-, Erziehungs- und Lebensfragen gewirkt.
Die bisher schon hier tätigen Diplom-Sozialpädagoginnen Judith Flurer und Birgit Gögelein gehören neben Verwaltungskraft Maria Aiff-Tan auch weiter zum bewährten Team der seit 1999 bestehenden Rothenburger Beratungsstelle. Das Stundenbudget konnte inzwischen um insgesamt zehn Stunden pro Woche ausgebaut werden, denn der Bedarf an Gespräch und an Gruppenangeboten steigt.
Eigentliche Zielgruppe sind psychisch chronisch Kranke und auch Menschen in seelischen Notlagen. Einzelberatung wird ebenso angeboten wie Familiengespräche, Paargespräche und Beratung von Angehörigen. Auch Hausbesuche gehören dazu.
Aber bei immer knapperen Personaldecken in den Betrieben und wachsender Beanspruchung gehört das Überforderungssyndrom immer häufiger, ja man ist fast geneigt zu sagen zum normalen Bild. „Es gibt leider immer mehr Menschen, die in Familie, Beruf und Gesellschaft nicht mehr zu Rande kommen,“ stellt Kathrin Strohhöfer fest.
Immer mehr Jugendliche, Frauen und Männer werden nicht mehr damit fertig, dass der Mensch zunehmend in den Hintergrund zu treten scheint in den Bereichen Arbeit, Schule und Ausbildung. Die Folgen von Profitdenken und purem Leistungsgedanken schwappen hinüber in andere Bereiche des Lebens, decken dort vieles zu oder drohen es gar zu ersticken. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen, die im Erwerbsleben stehen und täglich die Ärmel hochkrempeln, von puren Existenzängsten heimgesucht werden. Viele von ihnen müssen sich der harten Einsicht beugen, dass die Einkünfte trotz fleißiger Arbeit einfach nicht mehr ausreichen zu einem einigermaßen normalen Leben.
Der Bezirk, für die Psychiatrie zuständig, und zwar für die stationäre ebenso wie für die ambulante, ist Hauptfinanzier der Beratungsstellen und kommt seiner Aufgabe zur vollen Zufriedenheit aller Beteiligten nach. Aber vor dem Hintergrund der geschilderten Entwicklung und der sonstigen gesellschaftlichen Veränderungen sind sicher neue Überlegungen notwendig.
Am Fall des Nationaltorhüters Robert Enke ist zuletzt einer breiten Öffentlichkeit klar geworden, wie wichtig es sein kann, zu seinen Schwächen zu stehen und sich helfen zu lassen. Zum Glück ist es heute längst nicht mehr so schwer wie früher, als dies gleichbedeutend war mit einem Makel. Auch die Schwellenangst vor dem Gang zur Beratungsstelle hat erfreulicherweise abgenommen.
Und doch bleibt es für viele immer noch schwer genug, diesen Weg zu gehen. Denn die Bereitschaft sich helfen zu lassen, setzt einiges voraus. Dass dieser Punkt erreicht ist, kann eine Erkenntnis sein, die schmerzt. „In jeder Krise steckt eine Chance,“ betont Birgit Gögelein und stellt damit den positiven, konstruktiven Ansatz ihrer Arbeit am und mit dem Menschen in den Vordergrund: „In der Mitte der Nacht beginnt der neue Tag“.
Die Beratungsstellen der Diakonie wie die in Rothenburg (die drei weiteren befinden sich in Ansbach, Dinkelsbühl und Ehingen am Hesselberg) gelten als eine der letzten Bastionen im Gesundheitsbereich, wo Leistungen zum Nulltarif verabreicht werden. Hier kann sich jede und jeder über eine un-überwindlich scheinende Hürde helfen lassen oder auch nur Begleitung und Rat holen. Sie oder er braucht dazu weder eine Verschreibung durch einen Mediziner noch eine Kostenübernahmeerklärung der Krankenkasse.
Kosten für die Beratung fallen nicht an und jede bzw. jeder kann sich darauf absolut verlassen, dass Inhalte von Gesprächen nicht nach draußen dringen. Das Gebot der Verschwiegenheit ist selbstverständlich für die Mitarbeiter in dieser Einrichtung. Unabhängigkeit von Konfessionen und Weltanschauungen ist ein weiterer wichtiger Grundsatz für die Beratungsstellen des sozialpsychiatrischen Dienstes.
Neben den Einzelberatungen gibt es verschiedene Gruppenangebote, die als begleitendes ständiges Programm zu sehen sind, die aber auch für Suchende den Einstieg erleichtern können: den Frühstückstreff, den Gymnastiktreff, die Walkinggruppe und die Kontaktgruppe. Neu kommt hier die Gruppe „Musik hören und entspannen“ hinzu.
Der Frühstückstreff (ehrenamtliche Leitung Erika Knobel, Kasse Hilde Werner) findet jeden Dienstag zwischen 9 und 11 Uhr in der Beratungsstelle statt. Bei frischen Brötchen und Kaffee oder Tee, Käse, Wurst, Eiern, Marmelade und Joghurt oder Müsli (Unkostenbeitrag 2 Euro) können sich psychisch Belastete oder Kranke in angenehmer Atmosphäre aussprechen, Kontakte knüpfen und Leute kennenlernen. Ansprechpartnerin ist Birgit Hermine Gögelein.
Der Gymnastiktreff (einmal pro Woche, jeden Dienstag zwischen 8.45 und 9.15 Uhr im Gruppenraum der Beratungsstelle) wird von Gymnastiklehrerin Elisabeth Gronemann geleitet und bietet bei einem leichten Bewegungsprogramm die Möglichkeit umzuschalten. Jeden Dienstag zwischen 10 und 11 Uhr dreht die „Nordic-Walking-Gruppe“ (Gruppe zum Sportwandern mit Stöcken) der Einrichtung ihre Runde. Jeder kann kommen zum Start an der Beratungsstelle und sich anschließen. Die Bewegung fördert seelische Ausgeglichenheit, steigert das allgemeine Wohlbefinden, hebt das Selbstwertgefühl, bringt Herz und Kreislauf in Schwung, fördert die Konzentrationsfähigkeit und trainiert das Immunsystem und sorgt für guten Schlaf. Kerstin Decker betreut die Gruppe. Barbara Wiesinger hat ehrenamtlich ausgeholfen. Das Bewegungsprogramm der Beratungsstelle geht zurück auf die frühere Leiterin, Stefanie Troll. Sie hatte unter anderem auch eine Jogging-Gruppe ins Leben gerufen und damit diese Sparte ins Haus geholt
Jeden Mittwoch von 10.30 bis 12 Uhr kommt in der Beratungsstelle die Kontaktgruppe zusammen. Menschen, die sich seelisch belastet fühlen bzw. die psychisch erkrankt sind, treffen sich hier in entspannter Atmosphäre. Hier gibt es Gelegenheit, sich bei einer Tasse Tee oder Kaffee zu unterhalten, Erfahrungen auszutauschen, das Brettspiel oder das Kartenspiel zu pflegen, Lieder zu singen oder auch zum Spaziergang aufzubrechen. Judith Fluhrer und Kerstin Decker leiten die Gruppe gemeinsam.
„Musik hören und entspannen“ ist das neueste, auf acht Spätvormittage ausgelegte Angebot. Montags zwischen 10 und 11.30 Uhr wird in den Gruppenraum zum angeleiteten Musikhören in einer überschaubaren Gruppe von sechs Leuten eingeladen. Musik kann starke Emotionen hervorrufen, wie kein anderes Medium trösten, erfreuen und animieren. Wer sie gezielt hört, kann die Selbstwahrnehmung verbessern, Spannungszustände regulieren und das Wohlbefinden steigern. Judith Fluhrer und Kerstin Decker führen die Gruppe gemeinsam.
„Wirklich jeder kann zu uns kommen, der ein Problem hat,“ heißt es aus dem Kreis des Beratungsteams wie aus einem Mund und das klingt doch wie die Einladung zu einem Anfang – mit ganz weit ausgestrecktem Arm. ww, 11.01.2010 |