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Der Fahrkartenautomat: Ungeübte brauchen Zeit und Geduld, um die richtige Karte zu lösen. Foto: Schäfer

Reisende stehen am Bahnhof Rothenburg oft gottverlassen

Mehr Züge, aber weniger Fahrpläne

ROTHENBURG – Wer die Möglichkeiten und Dienste des weltweiten digitalen Netzwerks nutzt, kann rund um die Uhr auf die Serviceleistungen zugreifen und ist nicht an Geschäftsöffnungszeiten gebunden. Für immer mehr Menschen gehört das Internet zum alltäglichen Leben dazu. Wer dieses Medium nicht beherrscht, fühlt sich zunehmend abgehängt vom Informationsfluss. Darüber klagen vor allem ältere Leute.

Mit dem letzten Fahrbahnwechsel Mitte Dezember sind die Minifahrpläne in gedruckter Form verschwunden, die bisher am Rothenburger Bahnhof und in fast zwei Dutzend großen Bahnhöfen wie Ansbach, Würzburg, Nürnberg Stuttgart, München, Frankfurt, Heidelberg, Füssen, Hamburg, Berlin kostenlos auslagen. Damit bekamen die Fahrgäste eine hilfreiche und praktische Information direkt an die Hand. Auch Hoteliers und Gastronomen legten die Heftchen für ihre Tages- und Übernachtungsgäste aus, die mit der Bahn reisten.

Zusammengefaltet passte es in jede Hand- oder Hosentasche. Aufgefaltet enthielt es den Fahrplan, Netzplan, Linienverlauf und Umsteigemöglichkeiten auf einen Blick und war ein großer Behelf für die Reisenden. Für die bekannte Fremdenverkehrsstadt Rothenburg waren die kleinen Bahn-Broschüren gleichzeitig eine schöne Werbung, denn auch die anderen Bahnhöfe verteilten das Druckwerk mit den Zugverbindungen von und nach Rothenburg über ihre Infoständer und Kundenschalter. Den einen oder anderen Reisenden animierten sie vielleicht zu einer Fahrt auf der Schiene.

Stattdessen sind jetzt die fünf Mitarbeiterinnen des privaten Reisebüros am Bahnhof verstärkt gefordert. Als kleine Agentur der Bahn erbringen sie Dienstleistungen wie den Fahrkartenverkauf oder Auskünfte für das bundesdeutsche Verkehrsunternehmen. Im Schnitt werden sie stündlich von etwa fünfzehn Kunden angesprochen, die nach der gedruckten Fahrplan-Übersicht fragen und verdutzt reagieren, weil es das praktische Kleinformat nicht mehr gibt. Die Lücke schließt das Personal (drei Vollzeitkräfte, eine Halbtagskraft und eine Auszubildende), in dem es die Daten aus dem Internet ausdruckt und verteilt, wodurch ein zusätzlicher personeller und finanzieller Aufwand entsteht. Von der Bahn bekamen die Mitarbeiterinnen die Auskunft, dass die Minifahrplan-Auflagen aus Kostengründen eingestellt wurden. Auf unsere Presseanfrage meinte eine Unternehmenssprecherin, dass man der Sache nachgehen werde, ob die Mini-Formate endgültig vom Markt verschwunden sind.

Im weltweiten Datennetz bietet die Bahn umfangreiche Informationen zu Fahrplänen und Tarifen an. Auch die Buchung einer Reise gehört längst zu den zahlreichen Dingen, welche über das Internet bequem von zu Hause aus rund um die Uhr erledigt werden kann, wie man Zeit und Lust dazu hat. Einen 24-Stunden-Service bietet auch der Fahrkartenautomat am Bahnhof mit Info in mehreren Sprachen, an dem man mit Bargeld und internationalen Kreditkarten bezahlen kann. Vorausgesetzt die Technik funktioniert und das Fach mit der Rückgeldzahlung ist entsprechend aufgefüllt. Häufig wird der Fahrkartenautomat durch Vandalismus außer Betrieb gesetzt. Zuletzt gleich zweimal innerhalb einer Woche.

Umso mehr freuen sich die Reisenden aus dem In- und Ausland, aber auch Einheimische, dass es mit dem Personal im Reisebüro am Bahnhof von Montag bis Samstagnachmittag noch einen persönlichen Fahrkartenverkauf gibt – der einzige in der Stadt. Ohne den Umzug des Reisebüros von der Altstadt in den Bahnhof vor mehr als zehn Jahren gäbe es diesen freundlichen Bahnservice für Einheimische und Touristen wahrscheinlich längst nicht mehr.

Der Bahnanschluss nach Steinach ist für Rothenburg wegen der Anbindung an den internationalen Schienenverkehr ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und zugleich eine Möglichkeit umweltfreundlich zu reisen. In der stündlich verkehrenden Regionalbahn, die seit einem halben Jahr zwischen 4.45 und 22.46 Uhr pendelt, fährt kaum noch ein Zugbegleiter mit, sondern lediglich sporadisch zu Kontrollzwecken.

Für die Fahrgäste sind die Reisebüro-Mitarbeiterinnen deshalb die einzigen direkten Ansprechpartner für Bahnauskünfte und andere Fragen. Außerhalb der Geschäftsöffnungszeiten stehen die Reisenden gottverlassen am Bahnhof und versuchen ihr Glück vor der Abfahrt beim Lokführer, um die richtige Fahrkarte zu kaufen und nicht als Schwarzfahrer unterwegs zu sein.

sis , 13.01.2010


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