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Samuel Lesched am Mittwochnachmittag vor der Franziskanerkirche in voller Montur. diba-foto |
Heuer wird Samuel Lesched 99 Jahre und noch immer reist er um die Welt
Musikbotschafter guter Laune ROTHENBURG – Eigentlich glaubt man es ihm gar nicht, aber es lässt sich amtlich belegen: Samuel Lesched aus Israel wird am 18. Juli 99 Jahre alt, ist aber so quitschfidel und unternehmungslustig, dass ihm manch zwanzig Jahre jüngerer nicht das Wasser reichen kann. Auch jetzt gehörte zum wiederholten Male Rothenburg auf seiner Europareise zur festen Station. Mancher, der ihn in seiner kunterbunten Kluft mit großem Hut und schmuckbehängten Schals erlebt hat, fragte sich vielleicht nach den ersten Jodeltönen des Musikclowns, was das für ein Verrückter ist. Wer ihn näher kennenlernt merkt aber sehr schnell, dass es sich um einen liebenswerten Menschen handelt, der manch Schicksalsschläge in seinem Leben durch seine grundsätzlich positive Einstellung und Philosophie gemeistert hat – und der anderen immer freundlich und hilfsbereit begegnet.
Im ehemals deutschen Liegnitz ist er aufgewachsen, schon 1934 wurde der Vater verhaftet und ihm drohte wie vielen jüdischen Bürgern der Abtransport ins Lager. Nur weil ihn die zuständigen Beamten gut kannten und schätzten, war es seinem Vater noch möglich mit der Familie Deutschland zu verlassen. Mit dem Schiff ging es nach Palästina. Der damals 23-jährige Samuel Lesched aber musste sich erst in der neuen Heimat zurechtfinden und hatte zusammen mit seiner aus dem schlesischen Hirschberg stammenden Frau keinen leichten Start. Wichtiger aber war der deutschen Diktatur mit ihrer menschenverachtenden Ideologie und der Judenverfolgung gerade noch entgangen zu sein.
Es ist ein herzliches Wiedersehen mit Freunden in Rothenburg und so hat der 98-Jährige hier genauso wenig wie in den anderen Städten, die er auf seiner Reise besucht, Probleme gut unterzukommen. Seit 20 Jahren wird er von Mira Gilburd aus seiner Heimat begleitet und bestens betreut. Sie war ihm die große Stütze bei der Pflege seiner krebskranken Frau, die vor über zwei Jahren im Alter von 90 gestorben ist.
Der Flug von Tel Aviv nach München ist für den bald Hundertjährigen eine leichte Übung – man muss ihn höchstens bremsen, damit er nicht mit seiner Quetsche laut jodelnd die Passagiere im Flieger unterhält. In der Nähe von München hat er zunächst eine zwölfköpfige Familie besucht und dort ebenso herzliche Aufnahme gefunden wie bei Bekannten in Blaufelden und jetzt in Rothenburg. Hier blieben diesmal nur wenige Tage, dabei hatte er ursprünglich geplant wieder zum Weihnachtsmarkt zu kommen. Gestern ging es dann weiter nach Heilbronn und schließlich erfolgt die Bahnreise an die Mosel, um vom Rheinland nach Berlin zu fahren, um von dort am 8. Februar nach Israel zurückzufliegen.
Skifahren und Schlittschuhlaufen sind für den 98-jährigen Selbstverständlichkeiten und seine Bekannten bestätigen dies auf unseren ungläubigen Blick hin. Er merkt es und lässt einen die Armmuskeln fühlen, was mindestens ebenso erstaunt wie der kräftige Händedruck. Jammern ist für Samuel Lesched ein unbekanntes Wort, er jodelt, singt und spielt lieber auf seinem Akkordeon und blickt voll Zuversicht nach vorne. Die Lebensfreude ist ihm der innere Quell, der über alle Zeiten geholfen hat.
„Spielen und singen bis ich tot umfalle!“ wäre sein Wunsch. Dabei überlegt er noch ernsthaft zum 100. Geburtstag nach Kanada auszuwandern, weil es dort einen entsprechenden Kontakt gibt. Aber erstmal will er wieder nach Rothenburg kommen. Begeistert erzählt er von seiner Schlauchbootfahrt auf der Altmühl und möchte auch sowas nochmal wiederholen. Dass ihn seine Begleitung nicht zu Fuß bei Schnee und Eis von der Altstadt, wo er in der Herrngasse wohnte, bis zur Zeitungsredaktion laufen lassen wollte, kann er gar nicht verstehen. In Israel kennt man den Musikclown fast überall, aber auch in deutschen Medien ist er bestens vertreten und in Berlin wird ihm ein Filmbeitrag gewidmet. Von Samuel Lesched kann manch Junger noch lernen... diba, 29.01.2010 |