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Irmgard Pohl freut sich des Lebens: „Ich sitze nicht gern hinterm Ofen“. Foto: Schäfer |
Leben im Alter: am Beispiel von Irmgard Pohl und Ulfried Schregelmann
Neues lernen und erleben ROTHENBURG – „Gesundheit ist ein Geschenk Gottes“, sagt die 79-jährige Irmgard Pohl. Sie nutzt ihr robustes Naturell für große Wanderungen und Radtouren, die Jüngere schon ins Schwitzen bringen. Zuletzt fuhr sie mit ihrem 7-Gang-Fahrrad 750 Kilometer in elf Tagen auf dem Pan-Europa-Radweg. Die nächste Route an der Seite ihres Lebensgefährten Ulfried Schregelmann führt durchs Werratal nach Eisenach. Angefangen hat sie mit ihren sportlichen Unternehmungen erst kurz vor dem Rentenalter durch den örtlichen Alpenverein. Aufgewachsen ist Irmgard Pohl in Masuren in Ostpreußen, das heute zu Polen gehört und aus dem die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden. Irmgard Pohl war damals 14 Jahre alt, als sie mit Eltern und Schwester die Heimat und das gesamte Hab und Gut verlor.
Zunächst in Schleswig-Holstein und dann in Rothenburg, wo sie seit November 1947 lebt, fand sie eine neue Bleibe, heiratete und zog drei Buben groß. Hans-Joachim, der Älteste, machte als Versicherungskaufmann Karriere, Michel, der Jüngste, als Industriekaufmann. Klaus Pohl, der Mittlere, ist ein international bekannter Schauspieler und Theaterregisseur und zählt zu den erfolgreichsten deutschen Bühnen-Autoren. Die Söhne sind stolz, so eine tatkräftige Mutter zu haben.
Im Alter, wenn andere am liebsten zu Hause auf der Couch sitzen oder in der Gartenarbeit aufgehen, packte die drahtige Rothenburgerin mit dem jugendlichen Kurzhaarschnitt Neues an. Früher hatte sie für sportliche Unternehmungen keine Zeit, als sie sich um die Familie kümmerte. Ihr Mann, er stammte aus Schlesien, hatte im Krieg ein Bein verloren. Später pflegte sie drei Jahre lang ihre hochbetagte Mutter.
Ihre Besorgungen erledigte Irmgard Pohl zu Fuß oder mit einem kleinen Klappfahrrad. Erst mit 55 Jahren machte sie den Führerschein und lernte das Autofahren. Nach dem Tod ihres Mannes und ihrer Mutter wollte Irmgard Pohl zu Hause nicht versauern und darauf warten, bis ihre Kinder und Enkel, die in Nürnberg, Deggendorf, Wien und New York leben, zu Besuch kommen. Nach einem Zeitungsbericht über den Alpenverein meldete sie sich beim damaligen Vorsitzenden Ulrich Pyczak zur Tauern-Radtour an und begann zu trainieren. Mit einem 3-Gang-Rad, das ihr die Söhne zum 60. Geburtstag geschenkt hatten. Zum 70. Geburtstag kaufte sie sich ein 7-Gang-Rad, das sie heute noch fährt.
Irmgard Pohl entdeckte ihre Begeisterung für Radtouren und Wanderungen und kundschaftete als Wanderwart im Verein reizvolle Routen für das Jahresprogramm aus. In dieser Gemeinschaft lernte sie Mitte der 90er Jahre ihren neuen Lebenspartner kennen, mit dem sie seitdem viel auf dem Rad oder zu Fuß in der Natur und in den Bergen unterwegs ist. Der pensionierte Berufssoldat, ein gebürtiger Rothenburger, kennt sich mit Kartenlesen aus und plant die Strecken. „Unsere Touren wurden immer länger“, erzählt Irmgard Pohl, „von zwei, drei und vier Tagen bis zu einer Woche“. Im Februar, wenn der Winter die Natur nicht mehr so fest im Griff hat und es schon wärmere Tage gibt, beginnen die Trainingsrunden mit den Rad. Zu den großen Touren im Sommer brechen sie in Rothenburg auf oder nach der Anfahrt mit dem Auto, wo die Räder auf dem Dachträger mitreisen. Über die Touren wird genau Buch geführt, so dass es inzwischen eine stattliche Reisebericht-Sammlung gibt.
Um sich fit zu halten, geht Irmgard Pohl regelmäßig schwimmen, das sie erst mit 65 Jahren von ihrem Freund gelernt hat, und ins Fitnessstudio. Jeden Tag nach dem Aufstehen macht sie eine halbe Stunde Gymnastik vor dem Frühstück. „Mit nüchternem Magen gehen die Übungen leichter“, erzählt sie. Etwa wenn sie bei durchgedrückten Knien mit den Händen den Boden berührt. Im Winter nutzt sie auch das Schneeschippen vor dem Haus als Training für Herz und Kreislauf.
80 Kilometer und mehr radelt das rüstige Paar auf seinen Ausflügen pro Tag. Es waren auch schon 107 Kilometer am Stück. Eher unfreiwillig. Das ausgesuchte Hotel hatte Betriebsferien und die nächste Übernachtungsmöglichkeit lag weit entfernt. Auf dem Drahtesel haben sie das Taubertal, die Burgenstraße und die Fränkische Seenplatte, den Pan-Europa-Radweg und die neuen Bundesländer – teilweise auf holprigen Wegen – erkundet. Für diese Anstrengungen braucht man Kraft in den Armen und Beinen. Ungeübte bekommen schnell Muskelkater und verlieren den Spaß an der körperlichen Bewegung.
Der sportive Radweg von Rothenburg nach Freudenberg hat es in sich. „Da geht es granatenmäßig rauf und runter“. Aber die Anstrengung wird belohnt mit herrlichen Ausblicken, schwärmt Irmgard Pohl. Auf steilen Abschnitten steigt sie ab und schiebt das Rad. Die Strecke von Bretten über Maulbronn nach Durchlach oder das Kocher- und Jagsttal sind solche Fälle. „Da gibt’s etliche Berg- und Talfahrten, die in die Arme und in die Knochen gehen“.
Drei große Radtouren stehen jedes Jahr auf dem Programm, darunter mindestens eine Woche durch die neuen Bundesländer. Etwa von Schwerin bis fast zur polnischen Grenze bei Greifswald. „Das war ein wunderschönes Erlebnis“, erzählt Irmgard Pohl. Als „Eiserne Ration“ kommen Knäckebrot und Bratwurstdosen mit ins Gepäck, denn auf den Überland-Fahrten gibt es zwar Übernachtungsquartiere, aber nicht immer ein Gasthaus. Den hungrigen Radlern bleibt dann nichts anderes übrig, als noch ein Stück weiterzufahren, „obwohl die Beine schon schwer sind“. Mit der kleinen Stärkung aus dem Fahrradkoffer können sie auf Unwägbarkeiten gelassen reagieren.
Schmunzelnd erzählt sie von einer Radtour im Raum Hof an Christi Himmelfahrt. Wegen des Feiertags hatten die Wirtschaften abends schon geschlossen und die beiden Radler gingen davon aus, dass sie mit knurrenden Magen ins Bett müssen. Zu ihrer Überraschung fanden sie sich auf einer privaten Grillparty wieder, zu der sie die Pensions-Wirtsleute eingeladen hatten.
Auch an den heißen Sommer 2003 kann sich Irmgard Pohl noch gut erinnern. „Bei der größten Hitze sind wir das Neckartal flussaufwärts bis in die Nähe von Landau gefahren, denn wir wollten an den Rhein“. Für eine gute Erholung in der Nacht sucht sich das sportbegeisterte Paar auf seinen Touren ein angenehmes Dach über dem Kopf. Einmal haben die Radler bei Schwäbisch Hall eine Jugendherberge in einem alten Schloss ausprobiert, weil sie günstig auf dem Weg lag: mit Stockbetten im Mehrbettzimmer, Etagendusche und Gemeinschaftstoiletten. „Das war eine interessante Erfahrung“, sagt Irmgard Pohl lachend, „aber für unser Alter nicht mehr das Richtige“. Ein Heuhotel wollen sie erst gar nicht testen. Ein richtiges Bett ist ihnen lieber. Schließlich nächtigen sie sieben bis acht Wochen im Jahr jeden Tag in einem Quartier.
Auch zu Fuß genießen Irmgard Pohl und Ulfried Schregelmann den Blick auf Natur und Landschaft bei stundenlangen Wanderungen in der Region oder in der Fränkischen Schweiz, den Bayerischen Voralpen oder in den Tiroler Bergen. Bei einer Tour von Ischgl nach Galtür in Begleitung hochtrainierter junger Männer überschätzte Irmgard Pohl ihre Kräfte. Erschöpft kam sie im Hotel an und konnte an dem Tag keine Treppe mehr laufen.
Ihren längsten Tagesmarsch mit 34 Kilometer absolvierte Irmgard Pohl auf dem Jakobsweg. Die damalige Rothenburger Pfarrerin Gabriele Burmann hatte zu innere Einkehr und Besinnung mit Gottesdienst auf dem Abschnitt von Niederstetten nach Lauda eingeladen. Durch ungenaue Ortskenntnisse geriet die Gruppe auf Umwege und kam auf heißen Sohlen heim.
Zu ihrem 80sten Geburtstag im August wünscht sich Irmgard Pohl „noch lange gesund zu bleiben“. Solange es geht, will die robuste Frohnatur die Touren auf dem Rad genießen: „Ansonsten bleibt mir hoffentlich noch lange das Wandern“. sis, 01.02.2010 |