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Großes Theater hat viel Platz auf den Treppen in Schwäbisch Hall. Foto: Jürgen Weller (Freilichtspiel Schwäbisch Hall) |
Freilichtspiele feiern Jubiläum der Treppenbühne mit „Romeo und Julia“
Aufstieg eines heimlichen Stars SCHWÄBISCH HALL – Die Bühne in Schwäbisch Hall feiert in diesem Jahr ihren 500. Geburtstag. Jubiläumsgeschenk soll das Herzblut Romeos und Julias sein. Es gibt nicht viele Bühen mit einer ähnlichen steineren Würde und ästhetischen Herausforderung, die jährlich unzählige Besucher anlocken. Vor 500 Jahren wurden die steilen Stufen am Marktplatz vor St. Michael erbaut. Seitdem mag so manche Träne, ein losgelöstes Lachen und vielleicht sogar ein Tropfen Blut vergossen worden sein.
In der diesjährigen Spielsaison unterbrechen Podeste und hölzerne, gewundene Wege die steilen 56 Stufen. Ein Kräutergarten schmückt den Bühnenrand und zu später Stunde erstrahlt das kalte Grau der Treppen im warmen Kerzenlicht. Die Bühnenstimmung von Thomas Lorenz-Hertling passt zum gespielten Stück, wenn es tragisch wird taucht der Abend in die Dämmerung ein.
Die Geschichte von William Shakespeares „Romeo und Julia“ ist über die Jahrhunderte zum Gemeingut geworden. Bei der Premiere gab es wahrscheinlich kaum jemanden unter den beinahe 1.200 Zuschauern, der die tragische Liebesbeziehung der beiden jungen Menschen und deren verfeindete Familiengeschichte nicht kannte.
Doch zu Beginn der Aufführung gehörten die Treppen erst einmal den wilden Jungs. Der mit Zoten und Kalauern gespickte Eingangstext vom Shakespeare wurde von den jugendlichen Anhängern der Familie Capulet und Montague quer über die Treppen geschleudert. Mit unglaublicher Geschwindigkeit und traumtänzerischer Treffsicherheit bespielten die Schauspieler die steinerne Bühne, so dass es dem Zuschauer ganz schwindelig wurde. Mit dem Auftritt Tybalts (Jannek Petri) im eher klassischen Kostüm, ganz in Schwarz mit Rüschenhemd, zog dann der tödliche Hass ins Spiel.
Dabei unterstreichen die Kostüme das Gesamtkonzept der Aufführung. Von klassisch, über leicht überzeichnet (wie der schafähnliche Überwurf Benvolios) bis hin zur perfekten Ergänzung reicht das Spektrum. So lässt Kostümbildnerin Isabell Kork Gräfin Capulet, Julias Mutter, während der Aufführung in ein giftgrünes, in der Taille eng gewickeltes Kleid schlüpfen. Farbenfroh wirken die Figuren auf der Bühne. Nicht steif und der Zeit des Shakespeare verpflichtet, sondern spielerisch und im interessanten Mix zieht mit den Kostümen die Gegenwart in die Dichtung ein.
Natürlich wartet bei einer Aufführung von Romeo und Julia jeder gespannt auf das Erscheinen der Hauptfiguren. Christoph Biermeier, Intendant der Festspiele, erzählte im Vorfeld, dass es nicht einfach war Tobias Voigt, der schon als Mortimer in „Maria Stuart“ auf den Treppen zu sehen war, als jugendlichen Liebhaber zu gewinnen. Als er dann erscheint, träumerisch und etwas schlacksig die Treppe herunter kommt, ist klar: kein blonder Hüne und kein rassiger Südländer wird das Herz Julias erobern, sondern der nette Junge von nebenan.
Ihm zur Seite hat Shakespeare - und natürlich auch Regisseurin Rosee Riggs - die Traumrolle des Mercutio (wunderbar: Andreas Sindermann) gestellt. Der frivole Freund Romeos kennt keine Tabus und hat die Lacher meist auf seiner Seite, wobei er auf eigentümliche Art mit dem netten Romeo harmoniert. Tobias Voigt füllt die Rolle seines Helden mit neuem Charme, der durchaus positiv überrascht.
Zart und verspielt schwebt im rosa Kleidchen dann endlich die lang ersehnte Julia (Susanne Bormann) die Treppe herunter. Ein elfengleiches Geschöpft mit langen, blonden Haaren verzaubert die Zuschauer vom ersten Moment an. So muss sich der Dichter die 14-jähriger Julia vorgestellt haben. Ihr zur Seite steht die Amme. Mit derben Stiefeln an den Füßen stapft Saskia von Winterfeld die Stufen hoch und runter, der lange Zopf wackelt und eines ist klar: die Frau weiß wovon sie redet.
Als sich Romeo und Julia dann endlich begegnen und mit aller Leidenschaft verlieben, passiert ungewöhnliches: der Zuschauer verpasst es fast. Zuviel geschieht auf den steinernen Treppen. Auch wenn der Blitz der Liebe von Shakespeare während eines Balles angelegt wurde, ist es dennoch eine zentrale Szene. Das preziöse Spiel der sich berührenden Hände, kaum entdeckt ist es schon vorbei. Ähnliches zum Ende der Aufführung, in der Sterbeszene: Die Empathie bleibt aus. Nur ein Klimmzug des sympathischen Romeo in der berühmten Gartenszene schafft es zum einzigen Szenenapplaus.
Die Geschichte des Liebespaares ist bekannt, ebenso die Intention des berühmten Dichters. Die wunderbare Treppe und ein Abend fast ohne Regen geben dann noch das ihre dazu, damit das Ringen um Recht und Gerechtigkeit und die Anklage der gesellschaftlichen Zwänge zu einen besonderen Erlebnis werden. Der eigentliche Star an diesem Abend war aber, wie schon seit hunderten von Jahren, die Treppe. ac, 21.06.2007 |
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