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Ferienausschuß entscheidet mutig über hohe Sportinvestition

Stadt wagt sich an den Halb-Marathon

ROTHENBURG – Der Ferienausschuss des Stadtrates gab sich am Donnerstagabend Marathon- und entscheidungsfreudig, indem er mit 6 zu 4 Stimmen die Durchführung eines jährlichen Halbmarathons in Rothenburg beschlossen hat – allerdings gilt dies nur unter der Voraussetzung, dass der Hauptsponsor noch im September schriftlich seine Mitwirkung zusagt. Bei einem Kostenvolumen von voraussichtlich 185000 Euro hatten einige Ratsmitglieder große Bedenken.

Die Verwaltung ließ schon ein Grobkonzept der „Gesellschaft für Eventmanagement, Marketing, Sponsoring & Projektentwicklung mbH” (emsp Stuttgart) erstellen, das Dirk Pohl als „Leiter Eventmanagement“ am Donnerstagabend im Sitzungssaal vorstellte. Zumindest diese Präsentation spiegelte die Leistung für immerhin 10000 Euro kaum wieder, sie erschöpfte sich in einer kurzgefassten Auflistung der bei solchen Laufveranstaltungen üblichen Standard-Positionen, wobei die Agentur bislang zwar Sport-, aber noch keine Marathon-Veranstaltung betreut hat. Der Oberbürgermeister betont aber, dass aus Zeitgründen nur ein Extrakt vorgetragen werden konnte und die Machbarkeitsstudie umfassend sei.

Gute Referenzen
Und das Stadtoberhaupt sieht in der Firma schon deshalb einen geeigneten Partner, weil es mit Unternehmen wie Electrolux zusammenarbeitet sowie auch sonst entsprechende Referenzen hat wie die Landesbank, die Esso oder SAP. Geschäftsführer der GmbH ist Andreas Hornung. Eine Abstimmung mit dem Hauptsponsor über die zu beauftragende Firma sei sinnvoll und verständlich, unterstreicht Walter Hartl. Denn entweder man könne ein solches langfristiges Projekt professionell durchführen oder man brauche bei Großsponsoren gar nicht erst antreten.

Zum Sitzungsauftakt beantragte die UR-Stadträtin Susanne Landgraf die Vertagung auf den Stadtrat, denn für solche Größenordnungen sei der Ferienausschuss nicht da. Dann einigte man sich zumindest den Vortrag anzuhören und schließlich setzte sich überraschend die Abstimmung durch. Am Ende sah das so aus: CSU nach engagierter Pro-Rede Dr. Scheurers dafür, die Grünen dafür, die SPD geteilt, die FRV und die UR dagegen.

Viele Unwägbarkeiten
Selbst die Hauptkritiker wie Dr. Berger oder Karl-Heinz Schneider hätten sich zu einer vorgezogenen Sondersitzung des Stadtrats anfangs September bereiterklärt, um nochmals fundiert ins Thema einsteigen und die Fraktionen einbinden zu können. Die Verwaltung hatte mit Zeitdruck argumentiert, weil der Halbmarathon bereits Ende September beim Landessportverband angemeldet sein muss, um 2009 stattfinden zu können.


Wie hier beim Rothenburger Stadtlauf 1993 würden Start und Ziel am Marktplatz liegen. Archiv-Foto: diba

SPD-Fraktionsvorsitzender Dr. Berger sprach von vielen Unwägbarkeiten und einer großen Investition: „Wir haben tausend Jahre keinen Marathon gehabt, da kommt es jetzt auch nicht drauf an“, meinte er zum Termindruck und plädierte auf Vertagen. OB Hartl hielt dagegen, dass man im ersten Jahr dreißigtausend und im zweiten zehntausend Euro Defizit, aber im dritten Jahr bereits „eine schwarze Null“ erwarte.

Firmenvertreter Dirk Pohl stieg dialektisch geschickt erstmal so ein, dass man meinte, er rede gegen das Vorhaben. Marathon-Läufe seien nicht zu empfehlen, der Markt bei 170 Läufen in Deutschland gesättigt, es gäbe sogar drastische Rückgänge und Absagen. Doch ganz anders sehe es beim Halbmarathon aus, hier entwickle sich der Markt noch. 2006 gab es 28 und 2008 schon 45 solche Laufereignisse in Deutschland. Man erreiche eine größere Zielgruppe, jeder könne mitmachen.
Für Rothenburg schlägt die Agentur vor, ein Fest für die ganze Familie zu planen, vielleicht mit verkaufsoffenem Sonntag, Musik auf dem Marktplatz und einem Familienlauf über zehn Kilometer. Bei der Streckenführung würden Umlandgemeinden mit einbezogen. Dirk Pohl von emsp erklärte, man müsse sofort mit der Sponsoren-Aquise und dem Kommunikationskonzept beginnen, bis 23. September sei die Anmeldung nötig.
Die auf Leinwand projizierten ersten Ein- und Ausgaberechnungen der Marketingfirma sind sehr detailliert und auch nachvollziehbar, wenngleich manche Position sicher verifiziert werden könnte, wie auch Stadträte meinen. Das Unternehmen würde nicht nur die Grundorganisation übernehmen, sondern die komplette Werbung, den Internetauftritt, Pressekonferenzen und den Einsatz von Personal. So relativieren sich die erstmal mit 80 000 Euro in den Raum gestellten Ausgaben allein für die Marketingfirma.

„Die FRV ist nicht abgeneigt, aber achtzigtausend Euro sind kein Pappenstil“, warf Stadträtin Jutta Striffler ein. Man brauche Beratungszeit und könne auch verschieben. „Wie kann sich sowas rechnen, das ist eine zu hohe Dimension“, befürchtet Susanne Landgraf und auch Stadtrat Uhl sieht „große Unsicherheitsfaktoren“.
Ganz anders sieht das CSU-Fraktionsvorsitzender Dr. Wolfgang Scheurer. Für ihn ist eine solche Sportveranstaltung ein Gewinn für die Stadt und für Familien. Das Vorhaben müsse man „mit Mut angehen und darf den Sponsor nicht verprellen“. Zu überlegen sei höchstens, ob man nicht „heimatnahe“ Organisatoren kostensenkend einsetzen könne. Auch andere vermissten die feste Zusage von Sponsoren.

Nicht ohne Hauptsponsor
Walter Hartl dagegen verweist auf mündliche Zusagen von Electrolux und macht deutlich, dass nur bei verbindlich-vertraglicher Vereinbarung in den nächsten zwei bis drei Wochen das Projekt angegangen werden kann. Sonst wäre es auch aus seiner Sicht aussichtslos. Nicht zuletzt dieses Junktim führte neben anderen Argumenten dazu, dass sich zum Beispiel Bürgermeister Kurt Förster und Stadtrat Hermann Uhl für den mutigen Schritt entschieden, obwohl die SPD sehr kritisch blieb. Grünen-Stadträtin Edith Hümmer gab sich zuversichtlich in Anbetracht des möglichen namhaften Großsponsors und erklärte Zustimmung.

Zu den Pluspunkten für das Projekt zählt auch, dass der Hauptsponsor drei Jahre hintereinander einen großen Betrag einsetzen würde. Außerdem hofft man auf entsprechende Vermarktung im Elextrolux-Unternehmen, so dass vielleicht ein Firmenlauf daraus werden könnte. Trotzdem war das alles für FRV-Sprecher Karl-Heinz Schneider „noch nicht entscheidungsreif“. Stadträtin Traudl Reingruber dagegen erinnerte an die Bayern-Radler, die sich die Stadt 50 000 Euro kosten hat lassen, obwohl man davon danach nichts mehr hatte, was beim jährlichen Halbmarathon anders sei. „Ich persönlich werde jetzt das Risiko in Kauf nehmen“ entschloss sich Bürgermeister Kurt Förster und Stadträtin Hümmer gab sich wirtschaftsorientiert, indem sie meinte, man könne „einen Weltkonzern nicht vor den Kopf stoßen“, denn das sei nicht gut für den Standort.
Nur Musterangebot

Auf unsere Nachfrage machte Dirk Pohl von emsp deutlich, dass der Voruntersuchungsauftrag jetzt erledigt ist. Die 80000 Euro für eine Vermarktungsagentur seien lediglich eine beispielhafte Kostenrechnung und dies habe erstmal gar nichts mit einer Auftragserteilung an die Stuttgarter Firma zu tun: „Das kann auch eine andere Agentur sein“. Aber wenn es professionell sei, werde es sich immer in solchen Größen bewegen.
Nach der mehrheitlichen Zustimmung hängt nun alles von der verbindlichen Sponsorenzusage ab. Falls die nicht kurzfristig erfolgt, wäre der Halbmarathon für 2009 hinfällig.

diba, 29.08.2008


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