Riesenandrang im Gemeindehaus

Vortrag von Neonazi-Expertin Birgit Mair mobilisierte in Insingen und darüber hinaus – Keine „harmlosen Nachbarn“

INSINGEN – So viele Besucher sieht das Evangelische Gemeindezentrum in Insingen eher selten. Der Vortrag von Birgit Mair aus Nürnberg vom Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung löste – wohl nicht zuletzt auch angesichts der das Dorf zunehmend umtreibenden rechtsgerichteten Bezüge – am Donnerstagabend einen enormen Andrang aus.

Beim Vortrag: Bis ins Dach hinauf ist alles belegt.   Foto: Weber

Beim Vortrag: Bis ins Dach hinauf ist alles belegt. Foto: Weber

Wie berichtet, hatte die NPD vor der Veranstaltung ein Flugblatt verteilt, mit dem sie das Thema („Neonazismus und Rassismus in Mittelfranken – Erscheinungsformen und Strategien der extremen Rechten“) und besonders auch die Referentin zu diskreditieren versuchte. Dass außerdem jetzt vor besagtem Abend in Insingen auch noch die ersten Wahl-Plakate der Nationaldemokraten aufgezogen worden waren, dürfte die gesteigerte Unruhe im Ort nicht gerade besänftigt haben.

Augenfällig war am Rand des Vortrags die Präsenz der Polizei. Rund ums Gemeindehaus waren die Ordnungshüter mit mehreren Wagen aufgezogen und zeigten Flagge. Warum, machte die Referentin gleich eingangs klar. Es gehe um erhöhte Sicherheitsmaßnahmen. Die seien erforderlich, um sie und die Veranstaltung zu schützen.

„Ich habe es satt, von denen vorgeführt zu werden,“ betont sie und meint damit zurückliegende Versuche, ihren Vortrag mit dem Einschleusen von Störtrupps im Sinne der NPD zu instrumentalisieren.

Schon seit geraumer Zeit beruft sie sich deshalb bei ihren Abenden auf das gesetzliche Recht, Neonazis und ihren Sympathisanten den Zutritt zu verweigern. Sie zieht dies auch durch beziehungsweise lässt das durchziehen, wie sich das zuletzt im hiesigen Bereich bei ihrem Vortrag zum gleichen Thema im April dieses Jahres im Rothenburger Wildbad gezeigt hat.

Für den Insinger Abend war angekündigt worden, diese Marschroute gebe es auch dort. Die Neonazis hatten vorab durch die Blume erklärt, sie würden unter diesen Umständen fern bleiben, um sich nicht ein zweites Mal in Rothenburg und Umgebung eine Abfuhr zu holen. Aber würden die Rechten sich wirklich an ihre Ankündigung halten?

Als Pfarrerin Barbara Müller den Abend pünktlich eröffnete, stand fest, dass kein Grund zur Sorge bestand. Es blieb ruhig. Mit aktuellen Vorgängen wie der NPD-Kundgebung in Rothenburg (wir berichteten) habe der Vortragstermin nichts zu tun, stellte sie klar. Sie habe Birgit Mair schon im Mai gebucht und dabei spielte nicht zuletzt die Tatsache eine Rolle, dass sich „NPD-Funktionäre hier niedergelassen haben“.

Dann machte die Referentin in rund einstündigem, detailliertem Vortrag über die aktuelle Szene in Mittelfranken und über alle möglichen Verzweigungen, Erkennungszeichen, Taten und Anschauungen der Neonazis deutlich, dass die neuen Nachbarn keinesfalls nur jene anständigen, hilfsbereiten Mitmenschen sind, als die sie sich so gerne ausgeben.

Sie seien vielmehr der extremen, in weiten Teilen gewaltbereiten Rechten zuzurechnen, die bestens geschult sei und auch gezielt vorgehe. Allerdings wüssten sie das gut zu verbergen. An Frank Rennicke, dem rechtsextremen Liedermacher mit Hausbesitz im Insinger Ortsteil Lohr, werde das deutlich. Journalisten antworte er „geschult korrekt“. Aber in seinen Liedern zeige er sich ganz anders. Rennicke halte sich entgegen Meldungen, er habe seinen Wohnsitz ganz nach Oberfranken verlagert – zumindest zeitweise – noch immer in Lohr auf. Er sei erst in den letzten Tagen beim Rasenmähen auf seinem Anwesen gesehen worden. -ww-

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