Bittersüßer Sommerhit

Kulturkritik: Jubel und Bravos für Premiere im Toppler Theater

ROTHENBURG – Der Auftakt zur Saison im Toppler-Theater klingt nach einem veritablen Sommerhit! Wenn das Wetter sich anständig verhält, dann wird dort buchstäblich der Bär steppen zu „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ und erstmalig die Überlegung auftauchen, ob das Freiluft-Kammerspiel nicht schlichtweg zu klein ist für den Publikumsandrang.

Rendezvous auf der Mauer: Ilona Schulz (Lily) und Tobias Rott (Michael) Foto: diba

Wer seine gesamte Empfindungspalette vom Lachen bis zur unterdrückten Träne als Augen- und Ohrenschmaus erleben möchte, wer die Achterbahn von melancholischer Zärtlichkeit bis ins gemeinste Gekeife eines ungleichen wie zugleich seelenverwandten Paares genießen will, der sollte nur eins tun: Eintrittskarten besorgen“.

Regisseurin Katja Wolff und Jan Freese (Bühnen- und Kostümbild) ist in der Verschmelzung mit der schauspielerischen Kunst von Ilona Schulz und Tobias Rott ein bis ins letzte Ausrollen großer Wurf gelungen. Richard Alfieris Komödie über die ältere Dame und Baptistenprediger-Witwe Lily und ihren schwulen jungen Tanzlehrer Michael ist so erfrischend und hintergründig inszeniert und gespielt wie der li­mettig-zartsalzige Geschmack einer eiskalten Margarita an einem Strand in Florida.
Dort spielt auch die Geschichte. Das Bühnenbild (mit Licht- und  Tontechnik von Harald Köhler) ­bietet ein sensationell gelungenes, minimalistisch symbolhaftes Am­biente für  diesen Stellplatz zweier Menschen auf der Reise des Lebens: ein Wohn­wagen in den Pastellfarben des Art Deco Districts in Miami Beach. Selbst die etwas problematische Säule der Bühne – verkleidet als Palme – möchte man nicht missen. Und auch das Kult-Getränk kommt vor.
Als  „Reformhausmargarita“ allerdings verunglimpft Michael den von Lily zu schwach gemixten Drink, worauf die elegante Frau quasi als Gegenbeweis so laut­stark rülpst, dass das Publikum kurz erstarrt über ein so mas­sives Ge­räusch aus einer derart zierlichen Person. Chapeau!  
Mit geschummelten 68, später gestandenen 72 Jahren ist Lily vital, widerspenstig und bietet Paroli: „Wenn man sein wahres Alter rausposaunt, hört einen das Ge­sicht!“. Oder: „Schrei’n Sie nicht so, Michael – gilt auch für Ihr Hemd!“, blafft sie den Mann im Extrem-Hawaii­look an. „Ich bin nicht verrückt. Ich bin Italiener. Wir benehmen uns immer so!“, kontert der Tanzlehrer an anderer Stelle und murmelt dazu etwas von einer „verknöcherten alten Schachtel“, für die er gegen Cash  den „Eintänzer im Trainingslager für den Himmel“ geben müsse.
Doch die subtile Gestik und Mimik beider Akteure, die verstohlene Achtung vor einander konterkariert selbst Schenkelklopfer in einer Weise, die nachdenklich macht. Die Pointen der Dialoge prasseln zwar erquickend wie ein Platzregen im Hochsommer, doch im Lauf der sechs Tanzstunden – wunderbar anzusehende Kurz-Choreographien von Christoph Jonas zu perfekt ausgesuchter Musik von den Andrew Sisters, Tango und Wiener Walzer  bis zu den Beach Boys – offenbaren sich die Ältere und der Jüngere gegenseitig ihre Verletztheit auf anrührende Weise. Sie heilen sich gleichsam gegenseitig von Stufe zu Stufe, beginnend bei schnoddrig-spöttischer Schroffheit hin zu einer schüchternen wie selbstironischen Zärtlichkeit für einander.
Die wechselnden Kostüme von Tanz zu Tanz entzücken durchweg. Unaufdringlich wie prägnant funkeln dialektale Paro­dien als erheiternde Stilmittel. Großartiges Boulevardtheater, das  durch Spiel- und Regiekunst hinreißt – nicht verpassen! bhi

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