Jüdisches Leben aus erster Hand

„Rent a Jew“ möchte Vorurteile abbauen und gegen Antisemitismus ankämpfen

ROTHENBURG – „Mieten Sie einen Juden!“ – Auf den ersten Blick mag dies wie eine freche, gar geschmacklose Idee erscheinen. Auf den zweiten Blick ist es hingegen eine ausgezeichnete Möglichkeit zur  Annäherung und Begegnung auf Augenhöhe zwischen Juden und Nicht-Juden. Denn die Aufforderung der Initiative der Europäischen Janusz Korczak Akademie ist natürlich mit einem Augenzwinkern zu verstehen.

Ilia Choukhlov spricht über sein Leben als Jude in Deutschland. Foto: Scheuenstuhl

Der von den Organisatoren der Jüdischen Kulturwoche „gemietete“    Ilia Choukhlov erzählte im Café Lebenslust frei von seinen Ansichten zum jüdischen Glauben und seinen Erlebnissen, als Jude in Deutschland zu leben. Die Stärke der Initiative liegt darin, dass sich der „Referent“ nicht an einem starren Themenkomplex abmühen muss, der das Interesse der Zuhörer im schlimmsten Fall nur marginal streift. Vielmehr können die Zuhörer vorgeben, in welche Richtung sich der Austausch entwickeln soll.

Das bedeutet, dass je nachdem wer vor dem Referenten sitzt, andere Aspekte im Vordergrund stehen. Bei Schulklassen etwa geht die Tendenz meist hin zu konkreten Fragen zu den jüdischen Glaubensregeln. Das entsprechend vorgebildete Rothenburger Publikum hatte eher die abstrakteren Fragen im Sinn: Was ist das Judentum eigentlich – eine Kultur, ein Volk oder eine Religion? Davon ausgehend kam das Gespräch zwangsweise auf den Nahost-Konflikt. „Kann die Kritik an der israelischen Regierung antisemitisch sein?“, wollte ein Zuhörer in diesem Zusammenhang wissen. Wenn sich Ilia Choukhlov zu solchen Dingen äußert, spricht er nicht stellvertretend für alle Juden (in Deutschland). Es ist also seine persönliche Meinung, wie er mehrmals betonte. Er selbst habe im Israel-Konflikt früher eher eine linke Position eingenommen. Seitdem er vor Ort war und mit Palästinensern gesprochen habe, wobei er sich nicht als Jude zu erkennen gab, hat sich seine Einstellung in die andere Richtung entwickelt. So wünsche er sich nun ein „härteres Vorgehen“ der israelischen Regierung.
Er selbst sei nicht religiös und esse daher auch nicht koscher, gibt Ilia Choukhlov zu, der in St. Petersburg geboren wurde und als Kontingentflüchtling nach Deutschland kam. Eine Kippa habe er aber immer dabei, man wisse ja nie wann man sich in einer Synagoge oder einem jüdischen Gemeindezentrum wiederfindet. Für orthodoxe Juden ist das Tragen der Kippa Pflicht, als Erinnerung dass es etwas gibt, nämlich Gott, das über einem ist.
Tätliche Angriffe
Das öffentliche Bekenntnis zum Jüdischsein, etwa durch das Tragen einer Kippa, hat in letzter Zeit deutschlandweit zu tätlichen Angriffen gegenüber Juden geführt. Was für Rothenburger ohne eine jüdische Gemeinde vor Ort wie dramatisierte Einzelfälle anmutet, ist in Großstädten zum Alltag geworden. Selbst Ilia Choukhlov, der in Nürnberg wohnt, weiß gar nicht mehr, wie viele Anzeigen er schon erstattet hat. Man verfolge eine Straftat nur noch, „wenn etwas Schwerwiegendes“ passiert sei.
Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sagte einst, dass ihre Koffer nun ausgepackt seien und meinte damit, dass Deutschland zu ihrer Heimat wurde. Die anhaltenden und zunehmenden Anfeindungen gegen Juden bewirken bei vielen Mitgliedern ihrer Glaubensgemeinschaft zur Zeit das Gegenteil, ist Ilia Choukhlov überzeugt. „Besser wird’s nicht“, kommentiert er deshalb die Anzahl der Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Deutschland. Von den 99000 seien 65 Prozent über 60 Jahre alt. Momentan stagniert die Zahl, doch im Trend geht sie eher nach unten – aber nicht nur weil die Vertreter der älteren Generation nach und nach sterben. Hinzu kommt, dass bei den Jüngeren die Skepsis immer stärker werde, sich irgendwo als Jude zu melden beziehungsweise registrieren zu lassen.
Dabei ist es zum einen Tradition ein Gemeindemitglied zu sein. Die Synagoge ist dabei weit mehr als nur ein Gotteshaus, sie ist vor allem ein Treffpunkt. Hinzu kommt, dass man immer Jude bleibe – egal was man macht. Die Voraussetzung: Man ist von einer jüdischen Mutter geboren worden. Ins Judentum zu Konvertieren ist ein steiniger Weg. So wird ein Rabbi einen Interessierten mindestens dreimal abweisen, so Ilia Choukhlov, um dessen aufrichtigen Willen für diesen Schritt zu testen – ein Prozess der sich durchaus über Jahre hinziehen kann.
Der zunehmende Antisemitismus in Deutschland sei „nicht das Problem der Juden, sondern ein Problem der Gesellschaft“, ist Ilia Choukhlov überzeugt. Es gehe für ihn deshalb weniger darum für Juden, sondern „für die Zivilgesellschaft“ einzutreten. mes

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