„Ein Umdenken ist nötig“

Verein Alt-Rothenburg für strengere Regeln zum Schutz des Stadtbildes

ROTHENBURG – „Es braucht einen Sinneswandel bei der Stadtentwicklung, denn so wie es momentan läuft, kann es nicht weitergehen“, sagt der Vorsitzende vom Verein Alt-Rothenburg, Dr. Markus Naser. „Es ist eine Fehlentwicklung eingeleitet worden, die man jetzt stoppen sollte.“

Dr. Markus Naser, Gudrun Knoll-Schäfer und Klaus Zerkowski vom Verein Alt-Rothenburg. Fotos: sis

Vor knapp drei Jahren ist der engagierte Wolfsauer mit engem Bezug zu Rothenburg als neuer Hüter des Stadtbildes mit dem Ziel angetreten, in schwierigen Zeiten den Konsens mit der Stadtspitze zu suchen, um so die besten Lösungen für eine nachhaltige Stadtentwicklung zu finden. Eine ehrenamtliche Aufgabe, die er neben seinem Beruf als wissenschaftlicher Rat am Lehrstuhl für Fränkische Landesgeschichte der Universität Würzburg sehr ernst nimmt.

Bei dem Alt-Rothenburg-Vorsitzenden ist mittlerweile eine gewisse Ernüchterung eingekehrt nach den eigenen Erfahrungen. Doch er habe „die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass mit gutem Willen auf beiden Seiten ein neues Kapitel in der Kommunikation aufgeschlagen werden könnte.“ Im Zusammenhang mit der öffentlichen Diskussion um das Thema Stadtentwicklung und Stadtbildpflege, befragte die Redaktion auch die Führung von Alt-Rothenburg nach ihrer Meinung. Der Vorsitzende kam in Begleitung der beiden Ausschussmitglieder Gudrun Knoll-Schäfer und Klaus Zerkowski. Die Drei nahmen kein Blatt vor den Mund  – um der Sache willen.
Es liegt in der Natur der Dinge, dass Stadt und Verein Alt-Rothenburg nicht immer der gleichen Meinung sein müssen. Gelingt es, dies als gemeinsame Chance zur Klärung der Positionen zu nutzen, um innerhalb eines abgesteckten Rahmens Lösungsvorschläge und Kompromisse zu erabeiten, wäre viel gewonnen. „Ich muss aber sagen, dass es einige Entscheidungen gegeben hat, wo ich gern vorher über bestimmte Dinge informiert worden wäre“, sagt Dr. Naser. Dies habe er gegenüber der Stadt auch artikuliert. Die Verwaltung rechtfertige ihre Zurückhaltung mit Datenschutzgründen: „Das mag auch in dem einen oder anderen Fall stimmen, aber doch nicht immer.“
Totschlagargumente kontern 
Dr. Markus Naser würde sich wünschen, dass die Stadt dem Verein Alt-Rothenburg ein stärkeres Mitspracherecht einräumt. Sowohl bei wichtigen Entscheidungen wie auch bei vermeintlichen Kleinigkeiten. Aus einem Selbstverständnis heraus, offen mit Alt-Rothenburg zu kommunizieren. Auf die Frage, warum das bisher nicht funktioniert, antwortete Dr. Naser: „Das wüsste ich auch gern“.
Auch kleine Dinge im Stadtbild können mitunter eine große Wirkung hervorrufen. Aber weder beim neuen Brunnen im Krebsgässchen, noch beim Sockel für das Blindenstadtmodell sei Alt-Rothenburg nach seiner Meinung zur Gestaltung gefragt worden. Mit Verwunderung habe man auch den grünen Elektrokasten als „neue Zierde“ in der Alten Burg zur Kenntnis genommen. Schwerwiegende Entscheidungen seien noch konsequentenreicher. Als Negativ-Beispiele nannte  der Alt-Rothenburg-Vorsitzende das Semmer-Haus hinter der Klosterweth und die neuen grundstücksausfüllenden Klötze mit Flachdach im Umgriff der Altstadt und im Neubaugebiet Heckenacker. Sie seien hinsichtlich der Umgebungsbebauung in ihrer Maßstäblichkeit eine städtebauliche  Fehlentwicklung, sagt Dr. Markus Naser.
Nach seiner Auffassung erscheinen sie gar „als Fremdkörper“ und beeinträchtigen das Stadtbild mit seiner prägenden baulichen Struktur. Ob sich ein Bauvorhaben einfügt, lässt sich nicht schematisch festlegen, sondern wird von der tatsächlichen städtebaulichen Situation bestimmt, in die das Grundstück, das bebaut werden soll, eingebettet ist. Entscheidend sind Art und Maß der baulichen Nutzung, die Bauweise und Grundstücksfläche, die überbaut werden soll – und wie sich das geplante Vorhaben in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt.
Das Kriterium des „Einfügens“ ist von zentraler Bedeutung bei der Anwendung des Paragaphen 34 des Baugesetzbuches und beinhaltet auch das Gebot der Rücksichtnahme auf den Charakter der Umgebung. „Dies gilt es zu beachten, innerhalb und außerhalb der Altstadt“, betont Dr. Markus Naser. Der Haken bei der Sache: Die Begriffe „nähere Umgebung“ und „einfügen“ sind nicht eindeutig geklärt. Diskussionen darüber werden oftmals schon im Enstehen im Keim erstickt mit Totschlagargumenten, wie sie auch die städtische Bauverwaltung gebraucht: „Über Schönheit oder Gestaltung lässt sich streiten“ beziehungsweise „Satteldach-Fans mögen halt keine Flachdächer“.

Der Flachdachbau an der Stelle lässt bei Alt-Rothenburg Zweifel am hinreichenden Vorhandensein städtebaulicher Sensibilität aufkommen.

Wildwuchs an Baustilen 

Das beste Beispiel, wie sich neue Objekte in die Umgebungsbebauung einfügen, habe die Stadt beim gelungenen Wiederaufbau der zerstörten Altstadt nach dem Zweiten Weltkrieg selbst geliefert, sagt der Alt-Rothenburg-Vorsitzende. Von diesen denkmalpflegerischen Rahmensetzungen für Maßnahmen als Leitbild für den zukünftigen Umgang profitiert die Stadt bis heute. Stadtbild und Baudenkmäler sind Rothenburgs Potenzial an Attraktivität.
Wie wollen die Bürger Rothenburgs in Zukunft leben? Nirgendwo manifestiert sich die Wandlungs- und Handlungsfähigkeit einer Gesellschaft sowie im gebauten Zukunftsraum Stadt. Mit den klimatischen Veränderungen und dem Bauboom steht auch die Stadt Rothenburg vor neuen Herausforderungen. Eine der Lösungen biete die Altstadt, wo ganze Häuser leer stehen – etwa in der Klingengasse – aufgrund großer Investitionen, die vom Eigentümer zu leisten wären. Bei der Umsetzung nachhaltiger Nutzungsideen müsse die Stadt aktiver sein, um Leerstände zu verringern und bezahlbaren Wohnraum für individuelles Wohnen zu schaffen mit dem flexiblen   Instrument der Städtebauförderung.   Dafür müsste die Stadt Geld in die Hand nehmen und mit Fördergeldern aus dem Programm Anreize für Sanierungsvorhaben schaffen zum Erhalt von innerstädtischen Altbaubeständen.
In den neuen Baugebieten vermischen sich nach Ansicht Nasers Baustile und Strukturen und zerstören die Homogenität der bisherigen Situa­tion. Einfamilienhäusern werden „Wohnbunker“ vor die Nase gesetzt. Anwohner fühlen sich übergangen und in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt. Was sollen sie machen? Die Alternative für die Zukunft könnte sein: Ein Neubaugebiet auszuweisen, „wo nur solche Klötze stehen“.
Zum Ärztehaus mit Flachdach am Amtsgericht kann Dr. Markus Naser „nur bedingt etwas dazu sagen“, denn die Sache ist vor seiner Zeit als Alt-Rothenburg-Vorsitzender gelaufen. Dem Wort des Vereins sei seinerzeit zu wenig Gewicht beigemessen worden, beklagt er. „Das Ärztehaus fügt sich überhaupt nicht in die Umgebungsbebauung ein, weder vom Baukörper, noch von der Dachform.“ Ursprünglich sollte das Gebäude sogar noch ein Stockwerk höher sein. „Die Stadt hätte stärker eingreifen müssen, damit sich der Bauherr wenigstens bei der Dachform an die übrigen Gebäude anpasst.“
Der Alt-Rothenburg-Vorsitzende möchte dem Stadtrat in seiner Gesamtheit „nicht unterstellen, dass er seine Aufgaben nicht ernst nimmt.“ Aber: „Er hat sich an manchen Stellen entweder ein bisschen übervorteilen lassen, wie beim Ärztehaus, oder es sind Dinge schiefgelaufen, weil der Stadtrat sich das Ergebnis nicht so schlimm vorgestellt hat.“
Die nächste Fehlentwicklung?
Die nächste Flachdach-Großimmobilie in der Pürckhauerstraße im Umgriff der Altstadt hat der Stadtrat bereits genehmigt. In einem gewachsenen Wohnquartier mit Satteldächern, die von der umgebenden Bebauung abgeleitet sind, hat der Stadtrat ein Novum im traditionellen Baustil geschaffen, das ein Investor aus Bad Windsheim vorgegeben hat. „An dieser Stelle völlig unpassend“, meint der Alt-Rothenburg-Vorsitzende.
Beim geplanten Bauvorhaben Ges­nerstraße eines Wachsenberger Investors vor dem Würzburger Tor ist der Verein in Hab-Acht-Stellung und will genau aufpassen, was dort passiert. Ein dem Bauausschuss vor einiger Zeit in nichtöffentlicher Sitzung vorgelegter Grobentwurf zur Bebaubarkeit, um Möglichkeiten auszuloten,  lässt bei Alt-Rothenburg  die Skepsis an dem Kurs der Stadt wachsen. „Wenn das, was bisher nur angedacht ist, umgesetzt werden soll, dann sei die nächste städtebauliche Fehlentwicklung zu befürchten.“
Im Gespräch mit der Redaktion bekräftigte Dr. Naser seinen Wunsch an den Stadtrat, strengere Kriterien festzulegen: „Wer Qualität im Stadtbild haben will, muss klare Vorgaben machen.“ Er sei optimistisch, dass ein städtisches Umdenken einsetzt und zu den richtigen Einsichten führt. Alt-Rothenburg habe eine eigene Meinung zur Entwicklung der Stadt und könne konstruktive Vorschläge mit einbringen. Wenn nötig, auch mit Nachdruck und Beharrlichkeit, aber mit der wohlwollenden Grundhaltung Kommunikation statt Konfrontation.
Im nächsten Beitrag zur Stadtbildpflege kommen der Stadt­hei­mat­pfleger Dr. Konrad Bedal (langjähriger Leiter des Freilandmuseums Bad Windsheim) und Vorgänger Eduard Knoll zu Wort, der als Architekt nach wie vor sehr aktiv ist in der Denkmalpflege und im Bauen im Bestand. sis

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