Erinnern und wachsam sein

Würdiges Gedenken in der Franziskaner-Kirche an die vertriebenen Juden

ROTHENBURG – Mit einer würdigen Gedenkfeier an die am 22. Ok-tober vertriebenen letzten jüdischen Bürger ging in der Franziskaner-Kirche die Veranstaltungsreihe der jüdischen Woche zu Ende. Zu viele haben damals geschwiegen und heute tauche Antisemitismus und Rassismus in subtiler Form sogar hoffähig wieder auf, hieß es in der Begrüßung. Deshalb sei das lebendige Erinnern an Verfolgung und Ermordung der Juden im Dritten Reich so wichtig. In Reden und Gedenken wurden Namen und Schicksale eindrucksvoll gegenwärtig.

In der Franziskanerkirche mit Pfarrer Gußmann, Hannelore Hochbauer verliest die Namen. Fotos: diba

„Als die Zeugen schwiegen” im Dritten Reich, sei es auch aufrechten Christenmenschen schwer gefallen für Juden Stellung zu nehmen – so Pfarrerin Dorothea Bezzel in ihrer Begrüßung. „Als die Nachbarn schwiegen und viele nur zusahen” sei das wunderschöne Rothenburg für seine jüdischen Einwohner zu einem Ort der Anfeindung geworden, aus dem man vertrieben wurde. Gegenüber der Franziskanerkirche war die letzte Synagoge und deshalb erinnere man an diesem Ort an die jüdischen Frauen und Männer aus Ehrfurcht vor den Opfern der Judenvertreibung.

Pfarrerin Bezzel mahnte: „Es geschieht mit wachem Herzen und aufmerksamem Geist jeder Ausgrenzung von Andersgläubigen und Andersdenkenden in unserer Gesellschaft gegenüber. Antijudaismus, Antisemitismus und auch Rassismus breiten sich aus, werden in teilweise subtiler Form wieder hoffähig. Damals schwiegen viel zu viele, das darf sich nicht mehr wiederholen!”
Orgelmusik (Jasmin Neubauer) umrahmte die Feier, in der Pfarrer Oliver Gußmann auf die Ereignisse des 22. Oktober 1938 einging. Schon vor der berüchtigten „Reichskristallnacht“ am 9. November hat man in Rothenburg die Juden vertrieben und Kreisleiter Steinacker meldete stolz, die Stadt sei jetzt „judenfrei”, eine der   ersten bayerischen Städte, die das von sich behauptete. Lange habe man das Ereignis nach dem Krieg verdrängt, aber jetzt könne man dank der Netzseite „www.rothenburg-unterm-hakenkreuz.de” (weitgehend von dem Journalisten Wolf Stegemann) und der Doktorarbeit von Daniel Bauer die Ereignisse nachlesen.
Immer mehr seien im Dritten Reich die jüdischen Bürger aus dem öffentlichen Leben gedrängt worden, Geschäfte habe man boykottiert und auch Gewalt angewendet, so dass im Oktober 1938 nur noch etwa zwanzig Juden in der Stadt lebten. Manches Schicksal sei auf den Stolpersteinen zu lesen, die seit 2013 vor den jeweiligen Wohnhäusern in der Altstadt daran erinnern.
Vereinzelt hätten aber auch Rothenburger die Juden unterstützt und nicht alles mitgemacht, was die Nazis wollten. Der örtliche Polizeichef Lieret habe sich gegenüber dem NSDAP-Kreisleiter geweigert dem Befehl zur Festnahme der Juden zu folgen. Aber die meisten hätten leider kein Unrechtsbewusstsein gehabt, das Unrechtsregime begrüßt oder sie trauten sich nichts zu sagen. Manche, so ist Gußmann überzeugt, spekulierten wohl auf das jüdische Eigentum.
SA-Leute haben am Sabbat des 22. Oktober die Juden zum Verlassen der Stadt aufgefordert. Dr. Gußmann: „Mitglieder der Viehhandelsfamilie Mann, die man schon Jahre zuvor schikaniert hatte, wurden unter dem Gejohle von SA-Kommandos und durch die Hitlerjugend aus den Häusern geholt. Justin Mann hatte sich aus Angst zuletzt im Garten versteckt. Man gewährte schließlich den Juden freien Abzug.“
Die Einrichtung der Synagoge in der Herrngasse wurde zerstört, am folgenden Donnerstag fanden organisierte „Freudenfeiern“ statt, bei denen die Schuljugend antreten musste, um sich die Tiraden des Ortsgruppenleiters über die „Judenbefreiung“ anzuhören. In den Ochsensaal lud man 150 bedürftigte Rothenburger zum „frohen Nachmittag” ein und abends gab es einen Fackelmarsch auf dem Judenkirchhof und durch die Gassen, wie Pfarrer Gußmann erläuterte. Das gespenstische Geschehen habe spätabends auf dem Kirchplatz mit einer Kundgebung geendet.

Eine der jüdischen Rothenburger Familien auf einem früheren Foto in glücklichen Tagen: die Lehmanns. Von links Siegfried (im KZ ermordet), Klothilda, Berta und Martin Lehmann.

Die Familie Mann gehörte zu den letzten, die Rothenburg verlassen haben. Josef und sein Bruder Theodor seien nach München gezogen, die Mann-Zwillinge Norbert und Justin flohen in die USA. Josef Mann aber kam im Juli 1942 ins KZ Theresienstadt und starb im gleichen Jahr im KZ Auschwitz.

Bemerkenswert, dass Babette Baumann, das frühere Hausmädchen der Familie, das Familiengrab der Manns auf dem jüdischen Friedhof an der Wiesenstraße noch jahrelang gepflegt hat und sich für die Manns einsetzte. Eigentlich müsse man auch solche Geschichten oder die anderer christlicher Hausmädchen erzählen, sagte Pfarrer Gußmann.
Abgesehen von „Gewaltakten und Morden an unter uns lebenden Menschen” habe es einen „ungeheueren Verlust an religiöser und kultureller Vielfalt und Gemeinsamkeit” gegeben. Die wenigen Zeitzeugen berichteten heute noch von Gesängen aus dem jüdischen Betsaal oder vom Geschmack des frisch gebackenen Mazzenbrotes, das man auch an Christenkinder verschenkt hatte, die mit ihren jüdischen Klassenkameraden unvoreingenommen gespielt haben.
Verlorene Kultur
 Pfarrer Gußmann: „All dies ist verloren gegangen und jetzt bleibt in Rothenburg nur eine  steinerne Erinnerung:  Grabsteine, Häuser, Stolpersteine. Nur durch Erinnerung wird die Geschichte, die dahintersteht, wieder lebendig.“
Hannelore Hochbauer verlas die lange Liste der jüdischen Namen (siehe nebenstehenden Kasten). Einige kamen in Konzentrationslagern um, Theresienstadt, Auschwitz und das KZ Izbica sind mit dem Tod Rothenburger Juden verbunden. Einzelne konnten ins Ausland fliehen. Nur selten haben Nachkommen, manchmal die Enkel, den Weg zurückgefunden – auf Besuch in die Stadt ihres Herkommens.
Für jeden Namen wurde eine Kerze entzündet und die Anwesenden legten kleine Steine nieder wie es an jüdischen Gräbern üblich ist. Den Psalm 71 „Bei dir Herr suche ich Zuflucht” hat Lothar Schmidt im Anschluss an eine Schweigeminute in der (leider zum Anlass nicht gerade gut besuchten) Franziskanerkirche vorgetragen.
Oberbürgermeister Walter Hartl dankte den Mitwirkenden an der jüdischen Kulturwoche. Nur durch Erinnern, so Hartl, „können wir aus der Geschichte lernen, dass sich dies nicht wiederholen darf” und das „Wehret den Anfängen” gelte angesichts aktueller Bedrohungen für Minderheiten und Andersdenkende mehr denn je.                               diba

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*