Auftakt im strömenden Regen

Das Reiterle eröffnete „seinen“ Weihnachtsmarkt dennoch mit vielen Zuschauern

ROTHENBURG – Wie oft hat man dieses Jahr schon den Regen sehnlichst herbeigerufen? Nun hatte Petrus ein Einsehen und öffnete pünktlich zur Eröffnung des Reiterlesmarktes die Himmelsschleusen. Der nasse Segen von oben schreckte aber kaum einen der Besucher von nah und fern davon ab, auf die Hauptperson dieses Zeremoniells zu warten.

Hoch zu Ross zieht das Reiterle nach seinem Prolog unter dem Jubel zu Zuschauer wieder von dannen. Fotos: Scheuenstuhl

Zunächst oblag es aber der Kirche ein Grußwort an die Menschen auf dem gut gefüllten Marktplatz zu sprechen. Dorothea Bezzel, Pfarrerin an St. Jakob, griff dabei das kurz zuvor vom Posaunenchor St. Jakob unter der Leitung von Dekanatskantorin Jasmin Neubauer stimmungsvoll vorgetragene Lied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ auf.

Geschrieben wurde der Text dazu 1623 vom Königsberger Pfarrer Georg Weissel. Kaum ein anderes Adventslied sei „so verbreitet, so bekannt, so beliebt“, erklärt Dorothea Bezzel. Zu seiner Entstehung gebe es aber verschiedene Geschichten. Während die einen erzählen, dass der Geistliche das Stück anlässlich der Einweihung seiner neuen Kirche im Advent schrieb, wüssten wieder andere zu berichten, dass Georg Weissel damit – anlässlich des Besuchs des polnischen Königs in Königsberg – betonen wollte, dass es ja eigentlich Jesus sein sollte, der als König zu empfangen sei.
Eine weitere Erklärung besagt, dass damit einem reichen Kaufmann, der Arme und Kranke nicht an seinem Haus vorbeiziehen ließ, ins Gewissen gesungen werden sollte. Das Lied erzähle aber auch selbst eine Geschichte, so Dorothea Bezzel. Denn darin werden die Worte eine Psalms aufgegriffen und mit der Erzählung vom Einzug Jesu in Jerusalem verbunden. „Diesem König, der arm unter uns Menschen lebt, sollen wir Tür und Tor öffnen – ihn wollen wir empfangen für unser Leben“, sagt sie.

Das Jugendblasorchester – wie auch der Posaunenchor St. Jakob – sorgte für die musikalische Untermalung der Eröffnungszeremonie.

Auch Rothenburg mit seinen Stadtmauern vermittelt ein Gefühl von Schutz, den diese Steinwälle einst boten. Wer Tor und Tür öffne, mache sich verletzbar und zeige: „Ich verzichte auf meine Mauern, ich vertraue darauf, dass es richtig ist, mich zu öffnen“, erklärt die Pfarrerin.

Sensibilisiert für die Aussage des Liedes wurde die erste Strophe noch einmal gemeinsam angestimmt bevor nach einem adventlichen Text von Johannes Jourdan der Posaunenchor „Tochter Zion“ erklingen ließ.
Wandlung des Reiterle 
Auch Oberbürgermeister Walter Hartl richtete das Wort an die geduldig im Regen ausharrenden Gäste. Er legte dar, was es mit dem Reiterle eigentlich auf sich hat und welche Wandlung in der Wahrnehmung diese ganz besondere Gestalt – die ja Namensgeber für die hiesige Budenstadt ist – hinter sich hat. Erste Rufe des Erstaunens löste allerdings der stattliche Weihnachtsbaum inmitten des Marktplatzes aus. Wie durch Zauberhand erstrahlte er plötzlich in hellem Lichterglanz.
Zwischendurch schaute auch der Pelzmärtel bei den Besuchern vorbei und sorgte mit seinen Gaben für strahlende Kinderaugen. Und dann kündigte Hufgeklapper die Hauptperson der Zeremonie an. Hoch auf seinem treuen Ross sitzend zog das Reiterle auf dem Marktplatz ein. Vor dem Rathausportal verlas er seinen berühmten Prolog. Sein vierbeiniger Gefährte wartete währenddessen geduldig und ließ sich von den Besuchern fotografieren – er ist und bleibt halt der heimliche Star der Veranstaltung.
Nach getaner Arbeit zog das Reiterle in die Menge winkend wieder von dannen. Leider entschwanden mit ihm auch zahlreiche Besucher. Ihnen entging dadurch das zweite Stück des Jugendblasorchesters unter der Leitung von Jan-Peter Scheurer, das Besinnlichkeit verströmte, bevor der Kommerz wieder Einzug hält. mes

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