Ein Päckchen Glück

„Sternstunden“-Initiative von Schülern macht es möglich

ROTHENBURG – Es ist ein wunderbares Geschenk, wenn einem jemand Zeit und Aufmerksamkeit wid­­met. Das sind wertvolle Momente. Vor allem für ältere Menschen, deren Mobilität eingeschränkt ist, weil der Körper nicht mehr mitspielt und der Gang nach draußen immer mühsamer wird oder allein nicht mehr möglich ist.

Rebekka Rank (v.li.), Lea Schneider, Elisa Pehl und Yannik Göttfert musizierten gestern Nachmittag im Bürgerheim. Fotos: Schäfer

Eine schöne Überraschung und große Freude bereiten Rothenburger Gymnasiasten den Bewohnern des Bürgerheims im Spitalviertel mit „Sternstunden“ in der Vorweih­nachtszeit. Eine Idee von Oberstudienrätin Susanne Nagy, die von Schülern und Lehrern in die Tat umgesetzt werden – in guter Abstimmung mit Heimleiter Lars Kriegel-Moll.  Das Besondere an der Aktion: Auf diesem Weg wird der Schenkende selbst beschenkt. Das Geschenk geht über die reine Gabe hinaus und wird zum Ausdruck einer besonderen Begegnung zwischen zwei Menschen oder einer Gruppe unterschiedlicher Generationen.

Im Vorfeld bastelten Schüler viele bunte Papiersterne als schöne Anregung an die alten Menschen, ihre Weih­nachtswünsche niederzuschreiben, damit sie auch in Erfüllung gehen können. Die geäußerten Herzenswünsche brachten die Jugendlichen zum Nachdenken. Statt Konsum und Materialismus haben die Senioren das Bedürfnis nach Zuwendung und  Aufmerksamkeit. Dass man sich zusammentut, etwas gemeinsam macht, das ist ihnen wichtig. Miteinander plaudern, lesen, singen, musizieren.
„Eine schöne Geschichte vorgelesen zu bekommen“, weil der alte Mensch schlecht sieht und keine normale Schriftgröße mehr lesen kann, „Mensch-ärgere-dich-nicht“ in Gesellschaft spielen“, „alte Volkslieder singen“, „gemeinsam ein tolles Buch ansehen“. Auch eine Handmassage, gebrannte Mandeln vom Weihnachtsmarkt, ein Spaziergang, Besuch eines Cafés, ein Gang über den Friedhof oder den Reiterlesmarkt, Strumpfwolle zum Stricken, ein FC-Bayern-Schal und die Lust auf einen frischen Christstollen wurden als Weih­nachts­wünsche geäußert. Bei Altenheimbewohnern mit ausländischen Wurzeln kamen auch Heimatgefühle auf beim Formulieren ihres Herzenswunsches: „Unterhaltung auf Italienisch“, „ein ungarisches Lied vorsingen“ oder „die Nationalflagge von Eritrea als Wanddekoration“.

Baum der Wünsche: Schüler des Reichsstadt-Gymnasiums schenken alten Menschen ihre Zeit.

Die Wunsch-Sterne aus dem  Bürgerheim wurden in der Schul-Aula am großen Weih­nachtsbaum aufgehängt. Schüler und Lehrer pflückten die Sterne vom Baum und legten sich für die Erfüllung der Wünsche – individuell oder als Gruppe – mächtig ins Zeug. Am gestrigen Nachmittag bildeten Jannik Göttfert, Elisa Pehl, Lea Schneider und Rebekka Rank ein musikalisches Quartett mit Sopranblockflöte, Geige und Querflöten für ihr persönliches Konzert im Altenheim mit bekannten Advents- und Weih­nachtsliedern. Die beiden Siebtklässlerinnen Judith Overmans und Leni Reichel lasen ausgewählte Geschichten vor. Im Laufe der Woche finden auch noch die gemeinsamen Reiterlesmarkt-Besuche statt, bei denen jeder Schüler einen Altenheimbewohner persönlich begleitet. Nach den Feiertagen sollen die Wünsche Spaziergänge, Friedhofs- und Café-Besuch in Erfüllung gehen.

Einige Schüler waren enttäuscht, dass sie keinen Wunsch-Stern ergattern konnten, sagt Susanne Nagy. Das Reichsstadt-Gymnasium zählt rund 600 Schüler. Die 81 Wunsch-Sterne aus dem Bürgerheim hatten schnell  ihre Adressaten gefunden. Da war die Initiatorin „ganz schön gerührt“, wie sie einräumt. „Die Schüler gehen motiviert an die Sache heran.“
Mit dem Geschenk zeigen junge Menschen, die im Alltag viel um die Ohren haben und ihre Verpflichtungen zurückstellen, um alten Menschen eine Freude zu bereiten, dass sie die Situation bewegt. Sie erleben, wie sehr zwischenmenschliche Beziehungen den Alltag verschönern. Die „Sternstunden“ führen nicht nur dazu, einem Menschen etwas zu schenken, was er wirklich will,
sondern nebenbei auch zu einer Übung in der Kunst des Gesprächs und des aufmerksamen, vorurteils­losen Zuhörens. Die Kunst des Gesprächs besteht nicht darin zu sagen, wer man selber ist, sondern zu fragen, wer bist du? Um etwas über den anderen zu lernen und das  Gegenüber zu schätzen. Je knapper die Zeit, desto bedeutsamer die Geste, Zuwendung  zu schenken auf verschiedenste Art.
Der Advent als Zeit des Besinnens? Stattdessen erhöht sich im Alltag in dieser Phase die Schlagzahl, das Tempo, der Jahresendstress. Heutzutage ist der Advent für viele Menschen weniger eine geruhsame Zeit. Und dann gibt es noch Menschen, denen der „liebe lange Tag“ zu einem „schrecklich langen Tag“ wird. Wie oft bekommt man noch Anrufe? Oder Besuch? Melden sich die Angehörigen regelmäßig?

Vorleserinnen: Judith Overmans und Leni Reichel.

Wer die Last des Alters meistern muss, bei dem geht es meist rapide abwärts mit den persönlichen Kontakten. Was auch auch am Ableben geliebter Personen liegt oder weil wichtige Bezugspersonen weit weg wohnen. Die Bindungen zu Familie, Verwandten, Freunden, Nachbarn und Bekannten ändern sich im Laufe des Lebens.

Es gibt auch immer mehr Menschen, die ohne Partner oder eine Familie durchs Leben gehen – aus Überzeugung oder weil es sich so ergeben hat. Was früher die Großfamilie oder die Dorfgemeinschaft an Unterstützung für alte Menschen geleistet hat, ist heute so nicht mehr gegeben.  Trotz gemeinschaftlicher Angebote von Gruppen, Vereinen, Organisationen und Altenheimen ziehen sich viele Menschen zurück, fühlen sich nicht angesprochen oder waren ohnehin nie gesellig. Gerade diesen Mitbürgern durch direkte Zuwendung wieder Aufmerksamkeit zu schenken und damit ihr Selbstwertgefühl zu stärken, da die sprichwörtliche Uhr abläuft, ist eine bedeutsame Geste.
Als gemeinsamer Gewinn entsteht eine sinnstiftende Begegnungssituation. Einsamkeitsgefühle sind kein Phänomen des Alters. Sie können in jeder Lebensphase auftreten.: unter Freunden, in der Familie oder in der Partnerschaft. Es gibt auch eine politische Dimension. Der Arbeitsmarkt erwartet von Menschen Flexibilität. Einem Miteinander ist das wenig förderlich. Da setzt ein „Advent der Begegnung“ ein schönes Zeichen des Miteinanders. sis

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