Vorschläge an die Politik formuliert

Denkmalschutz nachhaltig fördern – Grundgesetz erweitern

ROTHENBURG – Wie lässt sich Denkmalschutz in bürgerschaftliche Initiativen und Strategien der Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik einbauen? Welche neue Koalitionen lassen sich zwischen diesen Feldern finden?

Abschlussbild der Tagungsteilnehmer „Denkmalschutz und Nachhaltigkeit“ im Rokokosaal des Wildbades. Foto: gks

Mit diesen Themen beschäftigte sich kürzlich eine Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing im Wildbad. Die ehemalige Kuranlage, Eigentümerin ist die Evangelische Landeskirche Bayern, bot die passende Kulisse  für nachhaltiges Handeln zur Bewahrung von Baudenkmälern als gesellschaftlich-kulturelles Erbe. Mit dem Denkmalnetz Bayern und Kulturerbe Bayern waren wichtige zivilgesellschaftliche Akteure bei der Tagung vertreten. Aus Rothenburg waren der Architekt Eduard Knoll und der Historiker Dr. Markus Naser,  beteiligt. Beides engagierte Denkmalschützer vor Ort, aber auch auf verschiedenen Ebenen über die Region hinaus. Bei einer Stadtführung innerhalb und außerhalb der Altstadt zeigten sie Beispiele praktischen  Denkmalschutzes auf.
Für die Freunde der Baukultur ist Rothenburg ein besonderer Ort, auch wenn, wie damit Befasste zu berichten wussten, im Konzert politischer und wirtschaftlicher Interessen der Denkmalschutz hier nicht immer Priorität genießt. Abgesehen von umfangreichen Kriegszerstörungen ist in Rothenburg manches abgerissen worden, das Investorenplänen im Weg stand, und manche Bausünde ist dazu gekommen, die dem überlieferten Charakter der Altstadt nicht entspricht.
Aber Rothenburg war nur ein Thema in den Reflexionen über Denkmalschutz und Nachhaltigkeit sowie um pädagogische und öffentliche Vermittlung der denkmalpflegerischen Anliegen. Was sind diese Anliegen? Weit über den Erhalt alter Häuser hi-naus geht es um einen achtsamen Lebensstil: Intensiv wurde in Rothenburg der Zusammenhang zwischen Denkmalschutz, der praktischen Denkmalpflege, Nachhaltigkeit, Suffizienz und – nicht zuletzt – Bildung diskutiert.
Vorschläge an die Politik formuliert
Was in der Vergangenheit manchmal nur aus wirtschaftlicher Not entstandene Genügsamkeit war, die sich mit dem Alten zufrieden geben muss-te und daher zum Erhalt vieler Baudenkmäler beigetragen hat, kehrt heute als Nachhaltigkeitsziel Suffizienz zurück: Wir brauchen nicht immer mehr und Neues, sondern sollten das Alte behutsam an heutige Wohnbedürfnisse und Energieziele anpassen, hieß es.
 Dabei können freilich echte und vermeintliche Interessenskonflikte auftreten, und viele weitere Faktoren wie Ortsentwicklung und Wohnformen, Qualität der Bausubstanz, Ansprüche an den Wohnraum und moderne Haustechnik kommen ins Spiel. Wie kann den nachfolgenden Generationen die Schönheit, aber auch Werthaltigkeit – Baustoffe, gebundene Energie – alter Gebäude erhalten werden?
Wie lässt sich vermeiden, dass immer noch mehr Ressourcen und Flächen zum Schaden der Natur verbraucht werden? Was wird getan, damit die Innenstädte nicht gesichtslose Konsummeilen werden? Und wie lassen sich Verbündete finden im Kampf um Denkmäler und erhaltenswerte Bausubstanz?
Die Tagung in Rothenburg war selbst schon eine Antwort auf diese letzte Frage, weil neue Kontakte und Verbindungen geknüpft und konkrete Umsetzungsideen diskutiert wurden. Sie werden an unterschiedlichen Stellen weiter bewegt, etwa auch im Schulbereich. In der Denkmalpflegepädagogik entdecken Schüler und Lehrkräfte – von Denkmalexperten begleitet – den Wert von Gebäuden in ihrer Umgebung. Zugleich steckt darin ein großes Potenzial zur persönlichen Verortung von Kindern und Jugendlichen. Durch ihre individuellen Geschichten können Denkmale dazu beitragen, die Integration in der multikulturellen Gesellschaft zu fördern.
In der Tagung wurden auch Vorschläge an die Politik formuliert. So würde es die Kulturstaatlichkeit als Staatsziel untermauern, das Grundgesetz um das „Recht auf Bewahrung kulturellen Erbes“ zu erweitern. Keine Angst vor aktiverer Teilhabe der Bevölkerung auch im Kulturerbe- und Denkmalbereich, lautete ein weiterer zentraler Appell, der sich vor allem an die deutschen Länder- und Bundesgesetzgeber richtete. Die effektivere Partizipation, insbesondere bei der Denkmalerkenntnis und beim Vollzug des Landesdenkmalschutzrechts, stünde im Einklang mit den Vorgaben des Rats der Europäischen Union sowie der Erklärung von Davos der Europäischen Kulturminister vom 22. Januar 2018.
Das Denkmalnetz Bayern eröffnet Foren und Möglichkeiten, gemeinsam an den Themen weiter zu arbeiten – weit über das Europäische Kulturerbejahr 2018 hinaus. Stiftung und Verein „Kulturerbe Bayern“, in der Tagung ebenfalls vertreten, suchen noch viele Unterstützer, um weitere Denkmalprojekte aufzugreifen – so wie derzeit das Haus in der Judengasse 10 in Rothenburg, das vom Anfang des 15. Jahrhunderts stammt und im Rahmen einer Exkursion bei der Tagung besichtigt wurde. Wichtig aber bleibt für jeden Einzelnen, im eigenen Umfeld, in der Kommunal- und Kreispolitik wachsam zu bleiben und sich gegen kulturzerstörendes Handeln einzusetzen. So jedenfalls das Fazit der in Rothenburg Versammelten. dg/sis

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