Großharbacher Goldjunge

Alexander Schmidts Europameistertitel beschert ihm einmalige Erlebnisse

GROßHARBACH – Woran erkennt man, dass man etwas ganz Großes geschafft hat? Wenn plötzlich die eigenen Idole ein Autogramm von einem wollen und auch noch persönlich zum Gratulieren vorbeischauen. Und so geht für Alexander Schmidt aus Großharbach der Titel des Europameisters der Stuckateure nicht nur mit Ruhm und Ehre einher, sondern auch mit einem Besuch der Spieler des 1. FC Nürnberg bei sich Zuhause.

Ganz oben angekommen: Alexander Schmidt setzte sich unter zehn Stuckateur-Mitbewerbern bei der „EuroSkills“ durch. Foto: privat

Und dies hat sich der 22-Jährige auch redlich verdient. Denn er besucht nicht nur jedes Heimspiel des „Clubs“. Sein heißgeliebter Verein durfte darüber hinaus auch nicht als Glücksbringer bei seiner Teilnahme an der „EuroSkills“ in Budapest, also der Europameisterschaft der Handwerksberufe, im vergangenen Oktober fehlen. So hatte er sich von seiner Freundin Amelie Emmert das Vereins-Logo auf die Deutschlandfahne nähen lassen.

Doch bevor die Fußballer mitsamt dem eigenen Kamerateam anrückten, stellte sich jüngst ein anderer hoher Besuch aus Nürnberg ein: Thomas Pirner, Präsident der Handwerkskammer für Mittelfranken, und Hauptgeschäftsführer Dr. Elmar Forster. Sie ließen es sich ebenfalls nicht nehmen, dem Stuckateur-Europameister persönlich zu gratulieren und brachten als süße Belohnung einen Maxi-Lebkuchen mit.

Handwerkskammer-Präsident Thomas Pirner (li.) und Hauptgeschäftsführer Dr. Elmar Forster gratulierten persönlich zum Titel. Foto: mes

In gemütlicher Runde ließ Alexander Schmidt noch einmal die vier ebenso arbeitsreichen wie aufregenden Tage in der ungarischen Hauptstadt Revue passieren. Die Freude und Erleichterung über seinen Sieg ist dem Stuckateur-Meister, der bei der Firma Brückl in Würzburg seine Ausbildung absolviert hat, deutlich anzumerken. „Es war bis zum Schluss ein Kopf-an-Kopf-Rennen“, erinnert er sich. Doch letztlich setzte er sich unter seinen zehn Stuckateur-Mitbewerbern durch – wenn auch nur mit drei Punkten Vorsprung vor dem Zweitplatzierten aus Frankreich. Die Bronze-Medaille ging an die Schweiz.

Drei Tage, vier Aufgaben: Wer Europameister werden will, muss  die beste Leistung seines beruflichen Lebens bringen. Und Alexander Schmidt lieferte ab – beim Trockenbau, der Stucksäule, beim Spachteln und auch in der Kategorie „Freestyle“, bei der jeder Wettbewerber auf der während der „Trockenbau-Aufgabe“ angefertigten Wand bringen durfte, was er wollte.
Intensive Vorbereitungszeit
Als Hommage an das Gastgeberland stellte der Großharbacher innerhalb von zwei Stunden die ungarische Flagge aus Gips her. Sie ist umringt von elf Sternen – einer für jedes Teilnehmerland der „EuroSkills“. Wer antritt hatte bereits eine intensive Vorbereitungszeit Zuhause hinter sich. Vor Ort in Budapest hieß es dann die gestellten Materialien – immerhin durfte das eigene Werkzeug verwendet werden – zu testen und sich in kürzester Zeit auf die Aufgaben einstellen.
Zwar war den Teilnehmern grundsätzlich bekannt, was von ihnen verlangt wird. Doch damit man nicht haargenau das im Wettbewerb präsentieren kann, was man daheim immer und immer wieder geübt hatte, waren 30 Prozent der Aufgaben eine Überraschung. Alexander Schmidt konnte sich am besten darauf einstellen – auch dank der hervorragenden Unterstützung durch seinen Trainer Josef Gruber. Der Stuckateur- und Trockenbaumeister ist Ausbildungsmeister im Bildungszentrum der Handwerkskammer Mittelfranken.

Ausführung und Arbeitsweise

Neben einer makellosen technischen Ausführung achtete die Jury auch auf eine untadelige Arbeitsweise: Lagen etwa Werkzeuge außerhalb des für den jeweiligen Teilnehmer abgegrenzten Bereichs oder entstand bei den Arbeiten zu viel Staub, bekam man knallhart Minuspunkte abgezogen. Eine weitere Herausforderung war das Arbeitsumfeld. Die Wettbewerber werkelten nämlich nicht im stillen Kämmerlein vor sich hin. Im Gegenteil: Über die Dauer des  Wettbewerbs hinweg schauten insgesamt 100000 Besucher, darunter ganze Schulklassen, den Teilnehmern über die Schulter.
Alexander Schmidt hatte mit seinem Arbeitsplatz Glück. Ihm wurde in der Ecke ein Fleckchen zugewiesen. Somit hatte er nur einen Kollegen neben sich und wurde weder abgelenkt noch verunsichert. „Ich habe schon geschaut, dass ich nicht so viel um mich herum mitbekomme“, erklärt Alexander Schmidt. War das Tagwerk jedoch vollbracht, tauschte er sich durchaus mit seinen ausländischen Berufskollegen aus. So erfuhr er von einem schwedischen Mitbewerber, dass es in dessen Heimatland  niemanden gebe, der Stuckziehen beibringen könne.
Anderer Stellenwert
Eine weitere interessante Erkenntnis: Die „EuroSkills“ haben in den anderen europäischen Staaten einen viel höheren Stellenwert und Bekanntheitsgrad als in Deutschland, was sich dank Alexander Schmidt nun ändern könnte. Manche Nationen wurden in der riesigen Arena von ganzen Fanblöcken angefeuert. So hatte man den Eindruck bekommen können, „die ganze Schweiz war gerade in Budapest“, meint Alexander Schmidt mit einem Schmunzeln.

Trainer Josef Gruber stand Alexander Schmidt im fachlichen Bereich zur Seite während Freundin Amelie Emmert ihm emotionalen Rückhalt bot. Foto:privat

Doch auch sein Fanclub war nicht von schlechten Eltern. Über vierzig Personen standen ihm vor Ort zur Seite, darunter mit seiner einjährigen Nichte und seinem 86-jährigen Opa auch der jüngste und älteste Fan. Natürlich wurde er auch gebührend in der Heimat empfangen. Nachdem er bereits im Flugzeug den Mitreisenden per Durchsage als frischgebackener Europameister vorgestellt wurde, merkten auch die Wartenden in der Empfangshalle schnell, dass jemand ganz Besonderes erwartet wird. Denn seine Schwester und sein Schwager hatten ein amtliches Empfangsko-mittee samt Hund organisiert. Verwandte, Bekannte, Freunde aus der Jungen Schar sowie der Musikverein Großharbach bejubelten ihn lautstark und ließen ihn hochleben.

Angesichts dieser überschwänglichen Anteilnahme und Mitfreude hatte der 22-Jährige doch schon die eine oder andere Träne im Auge, wie er zugab. Danach war erst einmal zwei Wochen lang feiern angesagt. Mittlerweile ist er wieder auf den Baustellen unterwegs, wo die Leute durchaus wissen, dass niemand Geringeres als der amtierende Europameister bei ihnen zugange ist.
Alexander Schmidt als Stuckateurmeister – also „derjenige fürs Grobe“, wie er selbst sagt – und seine Schwester Viktoria, die Malermeisterin ist, sind bereits die vierte Generation des Großharbacher Familienbetriebs. Seit Oktober ist Alexander Schmidt in der Bauleitung der Firma tätig und möchte deshalb nun seinen Betriebswirt machen. Nach dem Sieg bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr steht dem Meisterbetrieb mit seinen 70 Mitarbeitern heuer erneut ein großes Ereignis ins Haus: Man begeht das 90-jährige Firmenjubiläum. mes

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