Mit gutem Beispiel voran

Musik wird an der Grundschule Oberscheckenbach groß geschrieben

OBERSCHECKENBACH – Steffen Meißner, Jochen Keller, Günter Hager und Nicole Schmidt können relativ beruhigt ihr Haupt betten. Ihnen droht wohl nicht das „böse Erwachen“, das Tobias Hauenstein, stellvertretender Bezirksjugendreferent im Nordbayerischen Musikbund, den Kapellen im Landkreis jüngst prognostiziert hat.

Romy Hauptmann führt als elementarmusikpädagogische Fachkraft die Erst- und Zweitklässler an die Musik heran – Steffen Meißner von der Bauernkapelle kam vorbei, um sich selbst ein Bild davon zu machen. Fotos: Scheuenstuhl

Denn gemeinsam mit der Verbandsschule Oberscheckenbach und der Musikschule Rothenburg kümmern sich die Bauernkapelle Ohrenbach, der Musik- und Gesangverein „Lyra“ Adelshofen, der Musikverein Großharbach und die Blaskapelle Gattenhofen bereits seit einigen Jahren intensiv um die Nachwuchsarbeit. Elternbeirat und der „Freundeskreis Grundschule Oberscheckenbach“ unterstützen dieses Projekt ebenso tatkräftig.

Und so wird Musik an der Schule seit 2013 großgeschrieben. Keine Veranstaltung – egal ob öffentlich oder intern – an dem nicht mindestens ein Lied erklingt. 2017 wurde man zudem als „Musikalische Grundschule“ zertifiziert. Ein Prädikat, dass man sich nun wieder erarbeiten möchte. Und wenn man durch das Schulhaus geht, hat man keinen Zweifel, dass dies auch gelingen wird. Auf Schritt und Tritt entdeckt man nämlich Musiknoten und Textzeilen an den Wänden beziehungsweise dringen Melodien an das Ohr.
Die musikalische Ausrichtung der Schule läuft unter dem griffigen Titel „WIM“, was für „Wir musizieren“ steht. Schulleiterin Gudrun Hartl hat einst von diesem Projekt gehört und war sich sofort sicher: „Das passt genau hier in die Landhege“, weil die Schule so in das Umfeld der Verbandsgemeinden verwurzelt sei. Die Idee hat sie dann in ihr Kollegium eingebracht und sich auch mit den Vorsitzenden der vier Kapellen sowie den Bürgermeistern der Schulverbandsgemeinden zusammengesetzt.
Mittlerweile kann man nun schon im sechsten Jahr „WIM“-Stunden anbieten. Gestartet wird immer im zweiten Halbjahr der 1. Klasse. Bis zum Ende des zweiten Schuljahrs kommen die  Kinder dann jede Woche 45 Minuten lang in den Genuss einer fundierten musikalischen Grundausbildung. Die Verantwortlichen legen dabei großen Wert auf Qualität. Deswegen holte man sich zum einen die Musikschule mit ins Boot. Zum anderen haben sich alle Lehrkräfte an der Musikakademie in Hammelburg fortbilden lassen. Somit können sie mit Romy Hauptmann, ihres Zeichens elementarmusikpädagogische Fachkraft der Musikschule, im Tandem die „WIM“-Stunden bestreiten.
Auf spielerische Weise

Rhythmus verinnerlicht man am besten mit Bewegung und im Miteinander macht Musik sowieso viel mehr Spaß.

Wenn man bei einer dieser Stunden einmal Mäuschen spielt, erlebt man Kinder, die auf ganz natürliche und spielerische Weise ihre angeborenen Anlagen für Musik entdecken und erweitern. Sie singen – durchaus auch im Kanon –, geben mit Klanghölzern oder Trommeln den Takt an, verinnerlichen einen Rhythmus und geben ihn wieder und lernen auch alle Instrumentenfamilien kennen.

Dabei wird die graue Theorie den Kleinen auf anschauliche Weise näher gebracht: Spielt ein Kind bereits ein Instrument, darf er oder sie es vorstellen und natürlich vorspielen. Die Mitschüler sehen dann, dass man auch schon in ihrem Alter einer Geige oder Querflöte wohlklingende Töne entlocken kann. Der lustigste Part daran ist natürlich das anschließende Ausprobieren. Ebenso wichtig ist es, den Kindern erfahrbar zu machen, wie denn die Töne überhaupt entstehen. Hierfür werden die Instrumente einfach selber nachgebaut, etwa in Form von Schuhschachtelgitarren oder Schlauchtrompeten.
Konnte damit das Feuer bei den Schülern für ein Instrument entfacht werden, besteht die Möglichkeit ab der Jahrgangsstufe 2 und 3 darin, auch Unterricht zu nehmen. Die Verbandsschule stellt die Räumlichkeiten und ein Zeitfenster – die offene Ganztagesbetreuung erweist sich hierfür als ideal –  zur Verfügung und die entsprechenden Lehrer der Musikschule  kommen vor Ort nach Oberscheckenbach und können dank „WIM“ direkt auf einer guten musikalischen Vorbildung aufbauen. Im Schnitt lernen 20 Kinder pro Jahr auf diese Weise ein Ins­trument.
Da nicht jeder Musikverein im Umgriff der Schule eine eigene Jugendkapelle gründen  und mit Musikern bestücken kann, wurde diese ebenfalls an der Schule ins Leben gerufen, erklärt Steffen Meißner, Vorsitzender der Bauernkapelle Ohrenbach und Ansprechpartner für die vier eingangs erwähnten Kooperationskapellen. Unter der Leitung von Oleg Mook erweitern diejenigen Nachwuchsmusiker, die schon so weit sind, dort ihre Fähigkeiten um eine ganz wichtige Komponente: aufeinander hören, damit aus Einzelmusikern ein Ensemble wird.
Blockflöte ist Pflicht
Einige der „WIM“-Schüler aus dem Premierenjahr 2013 bereiten sich sogar schon auf die sogenannte D-Prüfung vor. Diese ist gewissermaßen die Eintrittskarte, um bei einer der Blaskapellen der Gemeinden mitspielen zu können. „Nachwuchs ist in Sicht“, freut sich deshalb Schulleiterin Gud-run Hartl. Jeder Schüler, der nach der vierten Klasse die Oberscheckenbacher Verbandsschule verlässt hat zumindest ein Instrument gelernt – nämlich die Blockflöte und hatte die Chance, von der ersten bis zur vierten Klasse im Schulchor mitzusingen.
Zudem kennen alle die Notenschrift und die Notenwerte. Dies ist bei Weitem nicht selbstverständlich, denn dies ist nicht mehr verbindlicher Teil des bayerischen Grundschul-Lehrplans.
Die ureigenste Aufgabe einer Schule besteht selbstverständlich nicht darin, die Nachwuchsarbeit von Musikvereinen zu übernehmen. Und so ist Gudrun Hartl zwar überzeugt, dass man in der Grundschule das Fundament für die Freude am Musizieren legen kann, von der dann über kurz oder lang auch die verschiedenen Kapellen profitieren.
Dabei darf aber ihrer Ansicht nach eine wichtige Frage nicht außer Acht gelassen werden: „Was bringt das unseren Grundschülern?“ Und da liegt die Antwort bei „WIM“ ganz klar auf der Hand: Denn Musik ist nicht nur fester Bestandteil dieser besonderen Stunden, sondern wirkt sich auf den gesamten Unterricht und die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder aus. Die „Verzahnung und Vernetzung“, die beim Erlernen eines Musikinstruments vonstatten geht, ist auch förderlich beim schreiben und lesen lernen. Ebenso können andere Lehrinhalte, etwa im Fach Mathematik, durch rhythmisches Sprechen, Klatschen oder Singen einprägsamer vermittelt werden. Auch die Körperwahrnehmung werde dadurch trainiert, erklärt die Schulleiterin, wodurch das Gefühl für Wortaufbau, Silben und die Schreibweise geschult werde.

Notenschlüssel, Taktangabe, Noten und Taktstrich: Die musikalischen Formalitäten werden ebenso vermittelt.

Positives Selbstbild

Nicht zuletzt kann die Auseinandersetzung mit Musik auch zu einem positiven Selbstbild beitragen, etwa wenn man einen Auftritt vor Mitschülern und den Eltern erfolgreich gemeistert hat oder wenn man gemeinsam mit einem Fachmann Text und Rhythmus für das eigene Lied kreiert. Musik in der Schule ist also weit mehr als „nur“ lernen ein Instrument zu spielen oder Noten lesen zu können. Das pädagogische Ziel dahinter ist, „Charakter und Persönlichkeit des Kindes zu entwickeln“, so Gudrun Hartl.
Somit hat die Auseinandersetzung mit Musik oder konkret das Erlernen eines Ins­truments auf jeden Fall positive Auswirkungen auf ein Kind, selbst wenn es später irgendwann einmal die Lust daran verlieren sollte. Die dafür aufgewendete Zeit ist in keinem Fall verschwendet gewesen, ebenso wenig wie das Geld. Allen Beteiligten war von Vornherein klar, dass es das Projekt nicht zum Nulltarif geben wird. Schon früh stellten sich die vier Bürgermeister hinter das Vorhaben und erklärten: „Der Schulverband trägt dieses Projekt finanziell mit.“ Somit kann garantiert werden, dass es nicht bereits nach kurzer Zeit eingestellt werden muss, wenn der Geldfluss einmal langsamer fließen sollte. Eine Finanzspritze von Seiten des Schulverbandes war bislang allerdings noch nicht nötig – dank des Engagements von Elternbeirat, Freundeskreis und Spendern. Bei Verkaufsaktionen auf Weihnachtsmärkten und durch Erlöse bei Schulfesten sowie beim traditionellen Frühlingskonzert – bei dem heuer am 30. März übrigens die Jugendkapelle als Vorgruppe für die Bauernkapelle Ohrenbach auftritt – konnte ausreichend Geld für „WIM“ gesammelt werden.
Aber auch der individuelle Instrumentalunterricht kostet Geld. Die Gemeinde Ohrenbach etwa hat deshalb beschlossen, dass jedes Kind, das während der Grundschulzeit ein Ins­trument lernt, einen Zuschuss beantragen kann. Und die Gemeinde Steinsfeld übernimmt den sogenannten Auswärtigenzuschlag, der für den Instrumentalunterricht an der Musikschule Rothenburg anfällt. mes

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