Röderturm wieder sicher

Sicherheitsumbauten machten vorübergehende Schließung nötig

ROTHENBURG – Seit Pfingsten kann Rothenburg wieder von einem zweiten Turm aus von oben betrachtet werden, nachdem der Röderturm zur Nachbesserung des Brandschutzes für ein Jahr geschlossen werden musste. Für den Pächter des Turms, den Verein Alt-Rothenburg, bedeutet dieser Umbau mit den Gesamtkosten von etwa 70000 bis 80000 Euro eine doppelte finanzielle Belastung.

„Schau mal, Mama! Auf dem Turm da drüben waren wir gerade!“, ruft der kleine Junge aufgeregt, während er auf Zehenspitzen stehend auf den Rathausturm zeigt. Er würde sich bestimmt noch mehr freuen, wenn er wüsste, dass ihm diese Aussicht verwehrt geblieben wäre, wenn er einige Monate früher in Rothenburg Urlaub gemacht hätte. Denn obwohl eine Sprinkleranlage im Turm bereits installiert war, musste zur Sicherheit der Besucher nachgerüstet werden. Auf Basis eines Gutachtens wurden umfassende Sicherheitseinbauten mit hohem finanziellen Aufwand im vergangenen Jahr umgesetzt.

Neben der Erweiterung der erwähnten Sprinkleranlage wurde auch eine feuerfeste „Einhausung“ im oberen Turmgeschoss eingebaut. Rauchmelder mit einer Verbindung zur Turmstube, die direkt zu Polizei und Feuerwehr aufgeschaltet sind, garantieren ein unverzügliches Eingreifen im Ernstfall. Neu sind auch eine feuerfeste Tür auf der Ebene des Wehrgangs, eine Kamera an eben dieser Stelle, sowie eine Sprechanlage, die mit der Turmstube verbunden ist. Außerdem wurde ein Podest unterhalb des Obergeschosses errichtet, um das sich dort befindliche und jetzt auch vergrößerte Turmfenster als Notausstieg nutzen zu können. Dieser „Neubau“ ist nicht die einzige Veränderung, die bei Touristen ein Schmunzeln hervorruft durch ihre optische Differenz zu der mehrere hundert Jahre alten Bausubstanz um sie herum.

Mit diesem herrlichen Ausblick bis ins Umland wird man nach dem Aufstieg belohnt.       Fotos: Scheuenstuhl

Mit diesem herrlichen Ausblick bis ins Umland wird man nach dem Aufstieg belohnt. Fotos: Scheuenstuhl

Die geschätzten Gesamtkosten können jedoch von dem Verein Alt-Rothenburg nicht allein gestemmt werden. Laut einer schriftlichen Mitteilung des Vereins an die Redaktion wurde bislang eine erste Zahlung von 20.000 Euro geleistet. Der Restbetrag wurde von der Stadt Rothenburg vorfinanziert. Im Laufe der kommenden Jahre sollen dann weitere Zahlungen durch Alt-Rothenburg folgen. Für den Verein bedeutet selbst dieser Teilbetrag eine einschneidende finanzielle Belastung, denn eigentlich war das Vereinsvermögen in erster Linie zur Sanierung eines Hauses in der Judengasse vorgesehen, das ebenfalls im Vereinsbesitz ist.

Zu diesen Ausgaben für den Umbau kommen nun auch noch bedeutende Einbußen durch den befürchteten Rückgang der Besucherzahlen hinzu. Denn was für Touristen in dieser Umgebung lediglich optisch fragwürdig erscheint, bedeutet für den Verein die Einschränkung einer wichtigen Einnahmequelle. Ein Drehkreuz auf Höhe des Wehrgangs dient seit kurzem dazu sicherzustellen, dass sich nur noch höchstens zehn Personen gleichzeitig auf dem Turm befinden. Diese Zahl wurde im Vorfeld der Umbauten durch Rettungsübungen der Feuerwehr ermittelt. In den maßgebenden dreißig Minuten, die die Rettungsversuche dauern durften, konnten nämlich zehn Personen gerettet werden.

Erste Beobachtungen der Besucherzahlen deuten darauf hin, dass die Maßnahme vor allem größere Gruppen vor einem Aufstieg abschreckt. Aber bei einem Eintrittspreis von 1,50 Euro für Erwachsene und 1 Euro für Kinder im Alter zwischen sechs und fünfzehn Jahren, ist es gerade die „Masse“ an Besuchern, die den Unterhalt des Turms für den Verein eigentlich erst rentabel macht. Dr. Richard Schmitt von Alt-Rothenburg rechnet damit, dass die Besucherzahlen deutlich unter den etwa 25000 Besuchern vor dem Umbau liegen werden und man somit die bisherigen Jahreseinnahmen von 30000 Euro nicht erreichen wird.

Dass sich der Aufstieg aber allemal lohnt, wird an den Reaktionen der Besucher deutlich, die die 103 Stufen des rund 30 Meter hohen Turms hinaufgestiegen sind. Ihnen bietet sich ein einmaliger Ausblick über die Stadt mit ihren markanten Punkten wie dem Rat­hausturm, der Kirche St. Jakob und der Wehrmauer, sowie ein Blick auf die angrenzenden Ortschaften. Das Besondere an einer Besichtigung dieses Turms ist aber nicht nur der Ausblick, sondern auch die Informationen über den Turm und das Rödertor, die die Besucher oben erwartet. Eine Quelle hierfür sind die Info-Tafeln im Obergeschoss des Turms zu den Themen „Rödertor-Anlage“, „Wacht-Einteilung der Stadt“, „Entstehung und Entwicklung der Vorstädte“ und „Entstehung von Burg und Stadt“.

Eine zweite Quelle ist Reinhard Glaser, der Türmer des Röderturms. Der gelernte Diplom-Kaufmann kommt nun seit etwa drei Jahren beinahe täglich auf den Turm, um im Zeitraum von 10 Uhr bis 17 Uhr (je nach Witterung manchmal auch abends länger) Touristen und interessierten Einheimischen einen kleinen Einblick in die Geschichte des Turms und der Stadt zu geben. „Das Schöns­te an dieser Arbeit ist es, ganz verschiedene Leute kennenzulernen“, erklärt der Türmer. Besonders im Gedächtnis blieben ihm Besucher, für die die Besteigung des Turms aus unterschiedlichen Gründen eine besondere Herausforderung darstellten.

Neben einigen Besuchern in sehr hohem Alter, wie beispielsweise einem 88-jährigen Mann, der „problemlos hochgelaufen ist“ und einer sehbehinderten Frau, die ebenfalls ohne erkennbare Probleme oder Unsicherheiten den Aufstieg gemeistert hat, gibt es auch Fälle bei denen selbst eine starke Höhenangst die Betroffenen nicht von ihrem Vorhaben abhält, auch wenn es dann halt ein wenig länger dauern kann bis man mit der besonderen Aussicht belohnt wird. Aber es war der Aufstieg eines Vaters mit seinem Sohn, der den Türmer besonders beeindruckt hat. „Einmal hat ein Vater seinen spastisch gelähmten Sohn, der schwerer war als er selbst, auf den Rücken die Stufen hochgetragen“, erzählt Reinhard Glaser. „Der Sohn konnte zwar nicht sprechen, aber seine Augen haben dem Vater gedankt, dass er ihm dies ermöglicht hat. Das war wirkliche Vaterliebe!“

Japaner sind besonders fasziniert von den besonderen Fotomotiven, die die Aussicht vom Turm zu bieten hat, während Amerikaner vor allem angesichts des Alters des Turms und der Stadt im Allgemeinen erstaunt sind, erfahren wir von dem Türmer. Bei einem historischen Ereignis unterscheiden sich jedoch die Reaktionen der oben ankommenden Besucher kaum voneinander: die Info-Tafeln mit Bildern des Luftangriffs auf Rothenburg am 31. März 1945, bei dem auch der Röderturm teilweise zerstört wurde, löst bei den meisten Touristen ungeachtet ihrer Nationalität ein beklemmendes Gefühl aus. Dass der Turm nach dem Krieg wieder, wenn auch in veränderter Form, aufgebaut wurde, ist auch dem Verein Alt-Rothenburg zu verdanken, der mit maßgeblicher finanzieller Unterstützung dazu beitrug, dass am 20. August 1949 das Richtfest gefeiert werden konnte. Als „Gegenleistung“ für seinen Beitrag dazu, verpachtete die Stadt den Turm an den Verein.

Der Rathausturm und der Röderturm sind die einzigen Türme, die für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Auf Anfrage bestätigte Stadtbaumeister Michael Knappe, dass grundsätzlich kein weiterer Turm offen sei. Die einzige Ausnahme von dieser Regelung stellte die Öffnung weiterer Türme an einem Weltgästeführertag dar. Allerdings kamen die Gästeführer dabei ihrer Pflicht nicht nach, Verzichtserklärungen für etwaige Schadensfälle von den Touristen unterschreiben zu lassen.

Diese Erfahrung brachte das Bauamt zu der Entscheidung auch in Zukunft keine weiteren Türme im Ausnahmefall zu öffnen. Stadtbaumeister Knappe widerspricht somit Vorwürfen, die der Redaktion zugetragen wurden, dass der Pulverturm an der Klingenschütt durch Gästeführer mit ihren Gruppen eigenständig bestiegen werden könne, obwohl dort keine Brandschutzmaßnahmen vorhanden seien. mes

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