Frauenflüsterer „Dino“

Kulturkritik: Bejubelte Beziehungskomödie „That’s Amore“

ROTHENBURG – Männer wie „Dino“ gab es entweder nie oder sie sind ausgestorben wie die Dinosaurier. Beides ist zum Heulen! Dino, oh Dino, wer dich als bloße Dean-Martin-Kopie missversteht oder gar als schnulzige Schmalznudel verunglimpft, der weiß nicht, von was Frauen träumen!

Das Modell Dino ist nämlich Psychotherapeut und Haushaltshilfe in einem und sieht dabei auch noch gut aus. Wenn diese männliche Schwesternseele, elegant bis in die Manschettenknöpfe, die aus Liebeskummer leer gefressene Chips­tüten, Joghurtbecher, Leer­flaschen samt Seelenmüll der beklagenswerten End-Zwanzigerin Julia aufräumt, dabei zwei Sektgläser versehentlich fallen lässt, dann brechen selbst diese umsichtig am Stiel und zerspringen nicht rüpelhaft in tausend Scherben.

Schön aber leider doof: Marco. (Toll: Bernd Berleb)

Schön aber leider doof: Marco. (Toll: Bernd Berleb)

Von Julia (Katharina Felling) gucken alsbald nur noch ihre Wahnsinnsbeine samt prima Popo aus der Gasröhre. Sie will dort, angefüllt mit Spirituosen und Tabletten, ihr Leben aushauchen. Ihr Lover Marco, der eitle Vollpfosten, hat ihr eine Rundum-Schönheits-OP zum 29. Geburtstag geschenkt anstelle des erhofften Heiratsantrags. Das ist nicht schön, aber lustig und passiert schließlich nur auf der Bühne beim bejubelten, mit viel Szenenapplaus bedachten Gastspiel des Landestheaters Dinkelsbühl im gut besuchten Städtischen Musiksaal.

Dino alias Dean Martin, der seine Lieder schlau nur halb singt, damit die Leute seine Platten kaufen (biographisches Zitat aus dem Leben des Film- und Musikstars), ist freilich nur eine Halluzination Julias. Brad Pitt wäre ihr lieber gewesen, sagt sie, aber allmählich gewöhnt sie sich an den imaginären Therapeuten. Dino (warmherzig samt schönem Schmelz in der Stimme: gespielt und gesungen von Andreas Peteratzinger) fragt gleichsam als ihr klügeres, realistisches Selbst lediglich immer wieder unerbittlich nach, ob sich die Dinge wirklich so ereignet haben, wie Julia sie sieht und selbstmord- wie mordgeneigt beschluchzt. Allmählich erkennt sie, dass das Objekt ihrer Begierde allenfalls eine gesellschaftliche Position durch Hei­rat ist, keineswegs aber der eitle Möchtegern-Holly­wood-Drehbuchautor Marco.

Alle drei Rollen dieser Beziehungskomödie mit zart ernstem Unterton sind glänzend besetzt. Stückautor und Regisseur Frank Piotraschke versteht sein Metier stringent bis in witzige Details des Bühnenbilds (bei einem der Songs springt ein Küchenhängeschrank auf, in dem eine Discokugel glitzert). Den blaugrünen Akzent der Kulisse nehmen, wie immer gekonnt, die Kos­tüme von Ursula Blüml auf. Allein die Licht­regie setzt etwas zu oft auf schwiemeliges Rotlicht. Mitreißende Tanzeinlagen, darunter ein furioser Mambo mit akrobatischem Touch, dazwischen Evergreens wie „Memories are made of this“, „Dream a little dream of me“ und natürlich der Ohrwurm „That’s Amore“ zum Be­zie­hungs­krach unterhalten absolut beglückend. Bravo!          bhi

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