Beistand in schwerer Zeit

Hospizverein leistet einen wichtigen Beitrag zur Sterbekultur

ROTHENBURG – Mit anderen Menschen ein Stück ihres Lebenswegs gehen, ist Teil unseres täglichen Daseins. Neben den schönen Zeiten, gibt es allerdings auch herausfordernde Abschnitte, etwa bei schwerer Krankheit oder dem nahenden Tod. Vierzehn Ehrenamtliche haben sich entschlossen, gerade in diesen Momenten für ihre Mitmenschen da sein zu wollen. Sie ließen sich deshalb ein Jahr lang als Hospizbegleiter ausbilden. Bei ihrer Abschlussfeier im Jakobsschulhaus wurden sie für ihr Engagement gewürdigt.

Er ist kein Verein, der „laut“ ist und auffällt. Obwohl es den Hospizverein Rothenburg bereits seit 2002 gibt, wissen viele Leute nicht genau, was seine Mitglieder machen, wollen es meist auch gar nicht so genau wissen. Zu schwierig ist das Kernthema „Sterbebegleitung“ für viele Menschen. Es sind Berührungsängste da. Bereits das Nachdenken über den eigenen Tod oder den eines nahen Verwandten löst oftmals Beklemmung, Angst und Verzweiflung aus. Ehrenamtliche Hospizbegleiter haben es sich zur Aufgabe gemacht, in diesen Ausnahmesituationen den Betroffenen zur Seite zu stehen. Petra Underbrink, Vorsitzende des Hospizvereins, nennt dies „dem Sterben Leben geben“. Bürgermeister Dieter Kölle zollte den Ehrenamtlichen Bewunderung, dass sie „diesen Weg gehen“. Aus seiner persönlichen Erfahrung heraus weiß er, dass die Begleitung eines Sterbenden eine „schwere Aufgabe“ sein kann. Sterbende, Angehörige und Hospizbegleiter: Allen Beteiligten wird dabei viel Kraft abverlangt. Die ehr-enamtlichen Helfer begleiten nicht nur den Sterbenden am Ende seines Lebens, sondern auch dessen Angehörige. „Wir bleiben auch über den Tod hinaus“, betonte Petra Underbrink die Unterstützung für die Hinterbliebenen. Aber auch die Helfer müssen ihre Einsätze „verkraften“, um in ihren Alltag zurückkehren zu können.

Ehrenamtliche, Dozenten, Vertreter von Politik und Kirche sowie Angehörige kamen, um die Absolventen zu unterstützen und zu feiern.

Ehrenamtliche, Dozenten, Vertreter von Politik und Kirche sowie Angehörige kamen, um die Absolventen zu unterstützen und zu feiern.

Der Hospizverein mag kein auffälliger Verein sein, aber er ist ein aktiver: Im vergangenen Jahr, so rechnete die Vorsitzende vor, gab es für die bereits ausgebildeten 22 Hospizelfer 984 Einsätze. Gleichmäßig verteilt auf die 365 Tage im Jahr, wären dies jeden Tag vier Stunden gewesen, die die Ehrenamtlichen den Betroffenen und Angehörigen schenkten. Als „Zahlenmensch“ führte Petra Underbrink die Rechnung fort: 1437 Stunden oder 86220 Minuten kamen so zusammen. Davon sei jede Minute wertvoll, in der der andere nicht allein ist und keine Angst hat, in der zusammen gelacht, geweint und geschwiegen wird, in der die Aufmerksamkeit auf den anderen gerichtet ist, in der einfach gelebt wird. Uschi Memhardt, Koordinatorin des Hospizvereins, freut sich, dass die bisherigen Ehrenamtlichen nun durch weitere vierzehn Hospizhelfer unterstützt werden. Sie nutzte die Gelegenheit, um auch den Angehörigen der Absolventen zu danken. Denn nicht nur die Helfer schenken ihre Zeit den Betroffenen, sondern auch sie, indem sie auf die Zeit mit ihrem in der Hospizarbeit ehrenamtlich engagierten Partner oder Elternteil „verzichten“. Die knapp einjährige Ausbildung umfasste einhundert Stunden Unterricht und zusätzlich zwanzig Stunden Praktikum. Man habe sich in dieser Zeit gegenseitig bereichert und voneinander gelernt, so Uschi Memhardt. Im Saal des Jakobsschulhauses aufgehängte Fotos gewährten Einblicke in die unterschiedlichen Unterrichtseinheiten. Zu Beginn ihrer Ausbildung wurden die zwölf Frauen und zwei Männer nach ihren Erwartungen und Hoffnungen in Bezug auf den Kurs gefragt. Am „Hospizbaum“ wurden ihre Antworten auf Karten verewigt. Das Blätterwerk verdichtete sich weiter, als die frischgebackenen Hospizbegleiter ihre ganz persönlichen Gründe für ihr Engagement mit den Anwesenden teilten (siehe blauer Kasten). Beim Thema Tod spielt stets auch die Würde eine große Rolle. Dekan Hans-Gerhard Gross bezog sich deshalb in seinem Grußwort auf dieses, durch den ersten Artikel des Grundgesetzes geschützte, Gut. Anhand von Beispielen aus den Medien lenkte der Kirchenvertreter das Augenmerk auf aktuelle Debatten. Diese sind vor allem von zwei Klischees beeinflusst, die gegeneinander aufgewogen werden. Auf der einen Seite steht dabei der „hässliche Tod durch Siechtum“, auf der anderen Seite der „schöne, selbstbestimmte Tod“. Den Hospizbegleitern wünschte der Dekan „Respekt und Anerkennung“ für ihre Arbeit sowie, dass sie stets „unter Gottes Segen“ stehen mögen.

Bewundernswertes Engagement: Die Hospizhelfer schenken ihre Zeit ihren Mitmenschen.   Fotos: Scheuenstuhl

Bewundernswertes Engagement: Die Hospizhelfer schenken ihre Zeit ihren Mitmenschen. Fotos: Scheuenstuhl

Bei der Ausbildung der Hospizbegleiter waren viele lokale wie regionale Akteure beteiligt. Neben Rothenburger Ärzten, Seniorenheimen und der Diakonie so auch Stefan Mayer und Diakon Dirk Münch von der Hospizakademie Nürnberg. Letztgenannter klärte die Anwesenden über die aktuelle Situation der Hospizarbeit sowie über ihre künftigen Entwicklungen auf. Seine Überzeugung: Hospizarbeit ist nichts, was man im klassischen Sinne lernt. Vielmehr sei es eine Haltung, wie man mit Menschen und ihren Angehörigen am Lebensende umgeht. Es sei nicht einfach zu sterben, aber auch nicht einfach weiterzuleben. Etwa 60 Prozent der Arbeit eines Hospizhelfers sei auf die Unterstützung der Angehörigen ausgerichtet. Diese Trauerarbeit ist eine Weiterentwicklung der Hospizarbeit, die erst 1986 als Bürgerbewegung schließlich ihren Weg nach Deutschland fand. In jenem Jahr wurde das erste deutsche Hospiz in Aachen durch die Katholische Kirche gegründet. Während bereits seit 1967 durch das Engagement der Ärztin Cicely Saunders Großbritannien über ein Hospiz verfügte. Mittlerweile sei die Hospizbewegung und Palliativmedizin auch hierzulande in der „Mitte der Gesellschaft angekommen“, so Dirk Münch. Es komme allerdings immer noch oft zur Verwechslung von Sterbehilfe und Sterbebegleitung, was nicht zum Abbau der Vorbehalte gegenüber der Hospizarbeit beiträgt und eine offene Auseinandersetzung mit Sterben, Tod und Trauer merklich erschwert. Die Aktion „Hospiz macht Schule“ hat das Ziel, Grundschüler auf kindgerechte Weise mit diesen Themen in Berührung zu bringen und sie damit nicht alleine zu lassen. In einem geschützten Rahmen bekommen sie so die Möglichkeit, alle Fragen, die sie bewegen, zu stellen und so gut wie möglich beantwortet zu bekommen. Kinder sind aber nicht nur Ziel der Aufklärungskampagne, sondern auch Betroffene der Hospizarbeit. Nach neuesten Zahlen leiden etwa 40000 Kinder an einer lebensbegrenzenden Erkrankung, durch die sie das Erwachsenenalter nicht erreichen werden. Derzeit gibt es deutschlandweit nur dreizehn stationäre Kinderhospize. Weiteren Bedarf für die Hospizarbeit macht Dirk Münch auch „an den Rändern der Gesellschaft“ aus: bei geistig und körperlich Behinderten, in Gefängnissen sowie bei Wohnungs- und Obdachlosen. „Begleitung soll da stattfinden, wo sie gebraucht wird, nicht nur wo es schön ist“, plädiert er.

Seit 23 Jahren ist Dirk Münch in der Hospizarbeit tätig und hat ihr Wachstum im Laufe der Zeit miterlebt. Er sieht in dieser Entwicklung „Segen und Fluch zugleich“. Es bestehe die Gefahr, dass man auf die „falsche Schiene“ gelangt. Wer Geld in das System pumpt (wie etwa die Politik), erhebe folglich auch einen Anspruch auf Kontrolle und Dokumentation. Dirk Münch hingegen fordert, sich auf die Wurzeln zu besinnen. Das Ehrenamt trage die Hospizarbeit mit dem Gedanken, die eigene Zeit zu teilen und zu schenken. Die zentrale, maßgebliche Prämisse, nach der gehandelt wird, sollte lauten: „Dies ist mir mein Mitmensch wert.“ mes

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