Stadtgeschichte zum Anfassen

Fachkundige Führungen fördern Bewusstsein für die Bedeutung des kulturellen Erbes

ROTHENBURG – Historische Stätten, wie das Handwerkerkabinett im Reichsstadtmuseum, waren am Tag des Denkmals in Rothenburg zu besichtigen, dazu gab es eine Führung zur Wasserversorgung im Mittelalter und Erläuterungen über die Entstehung der Ratstrinkstube mit der Kunstuhr.

Ein geschichtsträchtiger Ort: das Reichsstadtmuseum.

Ein geschichtsträchtiger Ort: das Reichsstadtmuseum.

Dr. Hellmuth Möhring freute sich über die vielen Besucher des Reichsstadtmuseums, die sich für das Handwerkerkabinett und die Rothenburger Zünfte interessierten. Zunächst verwies er im Eingangsbereich des Museums auf den Rothenburger Steinmetz Johann Caspar Krumsick (Krumsich?) und die Grabplatte, die dieser für seine beiden verstorbenen Töchter Maria Magdalena (+1739) und Anna Kunigunde (+1742) gefertigt hatte – ungewöhnlich für einen Handwerker, waren derartige Steinmetzarbeiten eher von Patriziergräbern her bekannt. Bedeutendes Zeugnis der Krumsick´schen Tätigkeit als Steinmetzmeister sei der Taufstein in der Detwanger Kirche, so Möhring. Die Gründung der Zünfte gehe wohl auf das 12. Jahrhundert zurück und habe religiöse Wurzeln, die Handwerker wollten sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam ihre Interessen vertreten, vor allem auch gegenüber ihren Auftraggebern. Im 19. Jahrhundert seien in der Rothenburger Altstadt über 85 verschiedene Gewerke nachweisbar, es habe wohl 25 bis 30 Zünfte gegeben. Johann Caspar Füchslein sollte einer der bedeutendsten Baumeister Rothenburgs werden: Er hatte aus Tirol kommend in Rothenburg eingeheiratet. Um als „geschworener Meister“ tätig sein zu dürfen, musste er einen „eigenen Rauch“ (ein eigenes Haus) besitzen. 1662/63 wurde er Steinmetzmeister in Rothenburg, von seinen 13 Kindern verstarben 11 bereits im Kindesalter. An mindestens 27 Stellen in Rothenburg sei das Zunftzeichen von Johann Caspar Füchslein auch heute noch zu finden, so in einem Wappenschild an der Rathausaltane, am Klingentor, am Hofbronnen oder an der Jakobskirche. Bis 1718, also mehr als 60 Jahre und damit außergewöhnlich lang, habe er seine Zunftzeichen in Rothenburg verteilt, so der Museumsleiter.

Die Fischtröge an der Eich: im hektischen Alltag geht man oft achtlos an ihnen vorbei.

Die Fischtröge an der Eich: im hektischen Alltag geht man oft achtlos an ihnen vorbei.

Die Lehrzeit bis zur Gesellenprüfung betrug in der Regel damals bereits drei Jahre und der Lehrling musste für die Ausbildung zunächst Geld entrichten, dennoch sei der eine oder andere Azubi „davon geloffen“, weil ihm die Ausbildung nicht entsprach. Briefe, Urkunden, Gelder der Zunft, Gesellen- und Meisterbriefe wurden in sog. Handwerksladen aufbewahrt – diese wurden nur zu bestimmten Gelegenheiten geöffnet, oft schwiegen die Anwesenden während dieser erhebenden Handlung. In den Räumen, in welchen sich die Zünfte trafen, waren die Handwerkerzeichen angebracht. 1870/71 wurden die Zunftzwänge aufgehoben, die Zunftzeichen gingen in Privatbesitz über und etliche von ihnen sind jetzt im Reichsstadtmuseum zu bewundern. Auch das Modell einer funktionierenden Mühle ist im Museum zu finden – Rothenburg war für sein qualitativ hochwertiges, gutes Brot berühmt. Der Rothenburger Weinbau ist mindestens seit dem 15. Jahrhundert nachweisbar, der Wein war der Reichtum der Stadt, denn das Wasser war teilweise belastet und nicht als Trinkwasser geeignet, so dass Wein idealerweise den Durst löschte, bei nachweislich wechselnder Qualität. Karl Thürauf ergänzte, er sei auf Unterlagen gestoßen, die den Weinbau in Rothenburg bereits im Jahr 912 bezeugten, das wäre vor der Errichtung der Burganlage (um 970) gewesen. Auf die Spuren der Rothenburger Wasserversorgung luden Stadtbaumeister Michael Knappe und Michael Held von der Bauverwaltung ein. Mit gut 5000 Einwohnern sei Rothenburg im Mittelalter eine „Großstadt“ gewesen, so Knappe, zudem sei es auch damals schon an zwei bedeutenden Handelsrouten gelegen. Wasser wurden zum Essen und Trinken benötigt, aber auch für den Brandschutz mussten große Wasservorräte angelegt werden, bis heute würden Fische und Krebse gezüchtet. Im Mittelalter habe es keine Kanalisation gegeben, man habe im wahrsten Sinn des Wortes alles „in die Gosse“ gegossen, in der Hoffnung, dass es bald regnen würde, letztendlich seien die Fäkalien und sonstiger Unrat in der Tauber gelandet. Anhand eines Planes aus den 70er Jahren erläuterte Knappe das komplizierte Wasserversorgungssystem der mittelalterlichen Stadt, welches nur mühsam zu rekonstruieren ist, da man die Versorgung der Brunnen mit Wasser geheim gehalten hatte, um böswilligen Wasservergiftungen und Verunreinigungen vorzubeugen. Noch heute würde man bei Bauarbeiten immer wieder auf historische Wasserleitungen und Kanäle stoßen, so der Stadtbaumeister. Den vielen Besuchern ermöglichten Held und Knappe einen Blick in die Fischtröge an der Eich, die aus historischen Leitungen gespeist werden und auch die Wasserschächte unterhalb des Johannisbrunnen hatte man extra beleuchtet, damit die Besucher deren Dimension erkennen konnten. Seit den 50er Jahren ist Rothenburg an die Fernwasserversorgung Franken angeschlossen.

Rädchen im Getriebe: Besucher in der Uhrenstube der Ratstrinkstube.Fotos: Schwandt

Rädchen im Getriebe: Besucher in der Uhrenstube der Ratstrinkstube. Fotos: Schwandt

Großer Andrang herrschte an der Ratstrinkstube, so dass die Gruppe geteilt werden musste, ja die Rothenburger gebeten wurden, wenn möglich an der späteren Führung teilzunehmen. 1466 hätten die Ratsherrn der Stadt beschlossen, regelmäßig zu feiern, ja miteinander zu trinken, dafür hatte man die Ratstrinkstube erworben. Während im Erdgeschoss ein florierender Einzelhandelsladen un­tergebracht war, diente der erste Stock dem geselligen Miteinander der Ratsherren – bis zum 30-jährigen Krieg. Der Giebel war ursprünglich schwarz angestrichen, ebenso das Fachwerk, denn Schwarz war die angesagte „Modefarbe“ und leicht zu beschaffen: Man versetzte Kalk mit Ruß und hatte als Nebenbeieffekt einen perfekten Holzschutz. Auf einem ebenen Platz habe man das Dachgesperre gebaut und zusammengesetzt, dann nummeriert, wieder zerlegt und die Dachkonstruktion auf der Ratstrinkstube angebracht, nach über 500 Jahren seien immer noch fast alle Balken im Originalzustand zu sehen. Im übrigen habe man Nadelholz wie Fichte und Tanne verarbeitet, weil es leicht verfügbar war, lediglich für das Sichtfachwerk sei die härtere Eiche gebraucht worden. 1883 sanierte man das Gebäude und setzte einen „Renaissance“-Giebel auf. Bei der Gelegenheit wurde das Fachwerk brutal ausgesägt, Fens-ter wurden eingebaut. Dieses Fachwerk sei nicht rekonstruierbar, so der Stadtbaumeister, Denkmalpflege bedeute etwas zu bewahren, zu dokumentieren und am Ist-Zustand weiter zu arbeiten. Gernot Dürr lud die interessierten Besucher parallel dazu in die Uhrenstube ein. Bereits 1680 wurde die Uhr eingebaut, jedes mechanische Teil ist handgeschmiedet und auch heute noch voll funktionsfähig, wenngleich inzwischen „außer Betrieb“, die Mechanik soll jedoch konserviert werden. Seit 1910 gibt es die Kunstuhr mit den Figuren des Feldherrn Tilly und des trinkfesten Altbürgermeisters Nusch, die sich mit der Generalsanierung 2010 stündlich von 9 Uhr bis 22 Uhr an den Fenstern zeigen. Der Ablauf ist rein mechanisch, die Fenster sind immer leicht geöffnet, damit sie im Winter nicht zugefrieren. Nürnberger waren es, die von der Aufführung des historischen Festspiels so begeistert waren, dass sie den „Meistertrunk an der Ratstrinkstube“ anregten und auch noch dessen Finanzierung übernahmen. So ist auf einer Gedenktafel zu lesen: „Die Tafelrunde „Sondersiechen“ in Nürnberg-Mögeldorf und deren Ehrenmitglied, Carl Marfels-Berlin, spendete die Bausumme.“ Die Bauleitung des gesamten Werkes führte Hof-Uhrmacher Gustav Speckart, die Figuren schnitt Bildhauer Valentin Öckler, beide aus Nürnberg. Die beiden Laufwerke fertigte Grossuhrmacher Friedrich Holz-öder aus Rothenburg. Die mitverbundene alte Uhr hat Johann Karl Landeck, Stadtuhrmacher in Nürnberg, in 56 Wochen von 1683 bis 84 gebaut. Kleine Münzen seien bei der Einweihung im August 1910 in die Menge geworfen worden, so Gernot Dürr, Fachrestaurator für historische Uhren und Nachfolger in der Firma Friedrich Holzöder, für die Honoratioren hätte es Gedenktaler gegeben. Im Reichsstadtmuseum seien solche Münzen zu bestaunen, er selbst habe über ein Antiquariat eine solche erhalten. Der Verein Alt-Rothenburg nutzte den „Tag des Denkmals“, um neue Mitglieder zu gewinnen – so hatten sie vor dem Reichsstadtmuseum und vor der Ratstrinkstube einen Infostand aufgebaut. -sw-

Ein Kommentar zu Stadtgeschichte zum Anfassen

  1. Jochen Ehnes sagt:

    Ein neidlos gut geschriebener und beschreibender Bericht über den Tag des offenen Denkmals. Danke dafür.

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