Viele offene Fragen

Mangelnde Transparenz und ungenügende Information

ROTHENBURG – Die Sorge scheint nicht unberechtigt: Verschwindet nach dem ehemaligen Amtsgerichts-garten bald auch der alte Baumbestand auf dem Brauhausgelände, samt dem historischen Gebäude und der zeitgenössischen Architektur? Die Entwicklung der letzten Jahre hinterlässt den unguten Eindruck, dass die Stadt einen großzügigeren Maßstab anlegt, wenn es darum geht, Investoren nicht zu verprellen.

„Malerisches Rothenburg?“ – Die Rückseite eines komplett sanierten Altbaus vor dem Burgtor: Fassade und Garten wurden malträtiert. Fotos: Schäfer

Es mehren sich kritische Stimmen, die einen sensibleren Umgang mit gewachsenen Stadtbildern fordern, die Rothenburg zu einer besonderen Marke machen. Bürger haben sich in Leserbriefen entsprechend zu Wort gemeldet und sogar eine Rücknahme des Bebauungsplans Philosophenweg gefordert. Auch der Verein Alt-Rothenburg  hat ein grundsätzliches Umdenken und strengere Regeln angemahnt. Die Bewahrung und Förderung der Baukultur war immer ein wichtiges Anliegen und ist für die Profilierung Rothenburgs entscheidend. All die Errungenschaften, die heute so selbstverständlich in Anspruch genommen werden, sind die Ideen, die Planung und die Arbeit der vorherigen Generationen. Stadtentwicklung ist mehr als die Neuordnung von öffentlichem Raum, sondern mitunter auch unrühmlicher Spiegel der Politik und Gesellschaft.

Stadt­heimatpfleger Dr. Konrad Bedal und Vorgänger Eduard Knoll, der als Architekt nach wie vor sehr aktiv ist, weil auswärts seine Fachkompetenz geschätzt wird, sehen Oberbürgermeister und Stadt­rat in der Pflicht, Rothenburgs städtebauliches Erbe zu schützen und nach eindeutigen Vorgaben wei­terzuentwickeln. Es gebe genügend Möglichkeiten, bauliche Entwicklungen maßgeblich zu beeinflussen und Planungssicherheit zu schaffen. Es brauche einzelfallbezogene Bewertungen, die je nach Standort, Umgebung und Charakter der jeweiligen Objekte individuelle Spielräume zur bestmöglichen Lösung bieten.
Beim Pressegespräch unterbreitete Dr. Konrad Bedal konkrete Maßnahmen-Vorschläge zur Umsetzung (siehe farbiger Kasten). Bauboom und der Trend zur Nachverdichtung verlangen nach klaren Regeln, die zielführend und der Bedeutung für die Stadtentwicklung angemessen seien, sind sich der amtierende und der ehemalige Stadtheimatpfleger einig. Die Touristen kommen wegen des einmaligen Stadtbildes und der markanten Gebäude nach Rothenburg und nicht wegen der Bauklötze, die mit ihren räumlichen Verhältnissen und Proportionen die Diskussion angefacht haben, ob dieses Maß noch sinnvoll und vertretbar ist. Beide sehen negative Auswirkungen auf das Stadtbild und die Baukultur.

Stadtheimatpfleger Dr. Konrad Bedal und Eduard Knoll.

Entscheidungen für die Altstadt würden in einem Spannungsfeld von Erhaltung und Erneuerung getroffen zwischen Vorgaben und Zielen, die an den Fragen ausgerichtet sind:  Hilft die Denkmalpflege dem Tourismus oder hilft der Tourismus der Denkmalpflege? Es sei ein großer Fehler, die Altstadt denkmalpflegerisch auseinanderzudividieren in wichtige und weniger wichtige Bereiche. Es braucht den Blick auf das Ganze und nach dieser Devise müssten im Rathaus die Weichen gestellt werden – und das mit konsequenter Umsetzung.

Die Negativbeispiele baulicher Veränderungen und Neubauten sind allenthalben zu sehen und in der Altstadt von besonderer Tragweite. Immer mehr Gärten und Grünflächen verschwinden im Zuge der „Neuordnung“ unter Parkplätzen oder für Garagenhöfe. Andere Städte wirken dieser Entwicklung entgegen mit einer Verordnung, dass innerhalb der Altstadt nur 50 Prozent der erforderlichen Stellplätze nachgewiesen werden müssen. An komplett sanierten Altbauten werden freitragende Balkone angebracht – wogegen nichts einzuwenden ist, aber bisweilen auf eine Art und Weise, die ein Auge für Stil, Ästhetik der Nachhaltigkeit und eine besondere Architektursprache vermissen lassen. Eduard Knoll und Dr. Konrad Bedal beklagen, dass im Stadtbild auch immer mehr bauliche Kostbarkeiten wie Figürchen, Verzierungen, Skulpturen, Wappen, Handwerkszeichen, Steinbänke oder Ecksteine verlorengehen, die so sehr zum äußeren Gesamteindruck und zur Profilierung  beitragen.  An der Seite zur neuen Burg wird ein Haus mit viel Geld hergerichtet, erzählt Eduard Knoll, aber auf die Skulpturen an der Fassade wird nicht geachtet. Sie sind beim Bauen sogar beschädigt worden. Müssen sich nicht auch Bauherren ihrer Verantwortung für das Stadtbild bewusst sein? Mit der Fassade präsentiert sich das Gebäude schließlich  der Allgemeinheit.
Rothenburg verändert sein Gesicht, weil Investoren mit Immobilien Geld verdienen wollen und das steingewordene Stadtgedächtnis zuweilen mit einer Unbeschwertheit zur Disposition stellen, dass die Furcht des städtebaulichen Ausverkaufs umgeht. Erfolgreich stemmten sich die Rothenburger gegen den Verkauf der evangelischen Tagungsstätte Wildbad, ein Juwel des Jugendstils, als Hotelanlage. Jetzt ist dieser Investor am alten Brauhausgelände interessiert, um dort Wohnungen und Appartements zu errichten. Ein Würzburger Architekt hat Pläne für ein Hotelprojekt auf dem Areal vorgestellt. Wie umgehen mit dem Industriedenkmal im unmittelbaren Umgriff der Altstadt? Da braucht es zuerst eine tragfähige städtebauliche Vision und die Verlässlichkeit von Zusagen – vor der kapitalgestützten Nutzung des öffentlichen Raums durch Investoren. Was ist mit dem Berliner Konzept geworden? Oder mit den früheren Döllinger-Vorschlägen?  Ad acta gelegt?
Warum gibt es keine öffentlich-private Kooperation bei der Stadtentwicklung oder sogar ein Wettbewerbsverfahren von der Stadt? Bisher spielte sich die Sache Brauhaus in  nichtöffentlichen Sitzungen ab. Über die Presse wurde sie pub­lik. Auch der Stadtheimatpfleger und der Verein Alt-Rothenburg erfuhren erst aus der Zeitung davon und fühlen sich vor den Kopf gestoßen: „Deutlicher kann man nicht zeigen, dass man an unserer Meinung nicht interessiert ist.“
Bei den städtischen Objekten Spital, Fleischhaus und Ratstrinkstube hat die Stadt nach Meinung von Alt-Rothenburg und Stadtheimatpfleger die nötige Sensibilität an den Tag gelegt. Auch beim Hochschul-Campus in der ehemaligen Luitpoldschule habe die Stadt ihre Sache gut gemacht. Bei der Umnutzung des alten Schlachthofgeländes sei sie „vertretbare Kompromisse eingegangen.“
Dass die Stadt für eigene Objekte Städtebaufördermittel verwendet, wird grundsätzlich begrüßt. Der wunde Punkt: „Für Privatleute bleibt kaum mehr etwas übrig.“ Warum nimmt die Stadt nicht mehr Geld in die Hand und führt mit einfachen Mitteln eine Bestandserhebung zur Wohnstruktur in der Altstadt durch, um den Investitionsstau aufzubrechen und Sanierungsanreize zu schaffen?  Oder überlässt man die Wohnraumbeschaffung und die städtebauliche Zukunftsvision lieber Investoren? sis

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