Endlich ein Leben ohne Ferien

Walter Först, Direktor des Reichsstadt-Gymnasiums, wird in Ruhestand verabschiedet

ROTHENBURG – Es ist der Traum jedes Lehrers: Einmal einen Urlaub planen, ohne dabei auf die Ferienzeit achten zu müssen. Für den Leiter des Reichsstadt-Gymnasiums, Oberstudiendirektor Walter Först, erfüllt sich nun endlich dieser Wunsch, denn morgen wird er im feierlichen Rahmen in den Ruhestand verabschiedet. Und zwar auf den Tag genau 40 Jahre nach seiner Vereidigung als Studienreferendar am Platen-Gymnasium in Ansbach.

Schulleiter Walter Först mit Angelika Gachstetter (li.) und Manuela Vogt, seine beiden rechten Hände im Sekretariat. Foto: Scheuenstuhl

Ausschlafen, sich einfach mal eine Stunde Zeit nehmen, ein Buch zu lesen, spontan losfahren und in der Region – aber auch in anderen Ecken Deutschlands – unter der Woche Ausstellungen und andere kulturelle Veranstaltungen besuchen. Dies steht für den aus Lauf stammenden Walter Först nun auf seinem Ruhestands-Stundenplan.

Von bereits pensionierten Pädagogen habe er sich außerdem sagen lassen, dass in diesem neuen Lebensabschnitt der „Sonntag eine ganz neue Qualität“ bekomme. Auf diese bislang ungewohnte Freiheit freue er sich, so Walter Först, der nun im Alter von 65 Jahren und 9 Monaten seine Dienstzeit beendet.
Bereits in der gymnasialen Oberstufe stand für ihn fest, dass er Lehrer werden wollte. Weniger weil er so viele positive Beispiele in seiner eigenen Schulzeit hatte. „Da gab es teilweise schon problematische Lehrer“, erinnert er sich. Vielmehr das große Interesse an Deutsch, Sozialkunde und Geschichte, also jenen Fächern denen er dann auch beim Lehramtsstudium in Erlangen treu blieb, ließen ihn den Beruf des Pädagogens wählen. Und die selbstauferlegte Prämisse, „bewusst einen besseren Umgang mit den Schülern zu pflegen“, als es seine Lehrer getan hatten. Seine, wie er selbst sagt, berufliche „Tour durch Franken“ begann 1979 mit dem Start an der Seminarschule in Ansbach. Danach war er 17 Jahre lang im oberfränkischen Naila tätig, bevor er an das Markgraf-Georg-Fried­rich-Gym-nasium nach Kulmbach wechselte. Dort bekleidete er zwölf Jahre lang die Position des stellvertretenden Schulleiters. Er habe damals „schon überlegt“, ob er diesen Karriereweg überhaupt einschlagen solle, gibt er offen zu.
Lehrreiche Zeit
Denn einem normalen Lehrer seien  viele der Aufgaben, die im Direktorat anfallen, schließlich nicht bekannt. So denkt er mit Schrecken zurück an die umfassenden Statistiken, die er bezüglich der Schwerbehinderung von Lehrern zu erstellen hatte. Letztlich war es eine überaus lehrreiche Zeit, die ihn auch für die präferierte freie Stelle in der Tauberstadt qualifizierte.
Es war nämlich sein ausdrücklicher Wunsch, zurück nach Mittelfranken zu gehen und dort am liebsten in den ländlichen Raum –  aufgrund seiner guten Erfahrungen am Gymnasium in Naila, das mit 600 Schülern eine vergleichbare Größe zum Reichsstadt-Gymnasium aufwies. Seine Annahme, dass es dort wohl weniger Probleme gebe, hat sich als wahr herausgestellt. So musste seitdem er 2010 an die Rothenburger Schule kam nur ein einziges Mal der Disziplinarausschuss einberufen werden.  Eine „gute Kommunikation“ mit Schülern und Lehrern und die Schaffung eines „freundlichen und angenehmen Klimas“ an der Schule lag ihm immer sehr am Herzen. Er wollte für jeden ein Ansprechpartner sein, deshalb war er in den Pausen im Lehrerzimmer und jeden Morgen bereits ab 7.40 Uhr in der Aula präsent.
Daneben galt es auch Leistungen zu erbringen. Die Abitur-Ergebnisse sind ein Gradmesser dafür. In allen Fächern sei man da stets ganz nahe am Landesdurchschnitt, erklärt Walter Först hörbar stolz. Das bedeutet, dass in der Vorbereitung „hervorragend gearbeitet“ wurde. Und auch sonst lässt er nichts auf die ihm unterstellten Pädagogen kommen. Mit derzeit 50 Lehrkräften steht man zahlenmäßig sehr gut da.
„Engagiertes Kollegium“
Aber auch was die Qualität betrifft, sieht Walter Först keinen Grund zur Klage. Am Reichsstadt-Gymnasium (RSG) habe man ein „äußerst engagiertes Kollegium“, findet der Chef. Besonders imponiert ihm das „bemerkenswerte Bemühen“ vieler Lehrer in Deutsch, aber auch in Englisch, Aufsätze ausführlichst zu kommentieren und detaillierte Verbesserungsvorschläge zu machen. Verlassen kann sich der Schulleiter auch stets auf Angelika Gachstetter und Manuela Vogt, die im Sekretariat alles unter Kontrolle haben.
Auch bei der Ausstattung befindet man sich am RSG in einer zufriedenstellenden Situation. In den meisten Klassenzimmern zieren sogenannte Whiteboards die Wände. Aber: „Ein guter Unterricht hängt immer noch entscheidend vom Lehrer ab“, ist Walter Först überzeugt. Neben der zunehmenden Digitalisierung, von der man noch gar nicht so genau weiß, was darin alles enthalten ist, gab es während der achteinhalb-jährigen Dienstzeit von Walter Först auch weitere Entwicklungen, die die Schulfamilie beeinflusst haben.
Zum einen wurde das inhaltliche Spektrum der Schule um einen wirtschaftswissenschaftlichen Zweig erweitert. Dies sei „wichtig“ gewesen und werde auch „sehr gut angenommen“, sagt Walter Först. Zum anderen wurde das Doppelstundenprinzip eingeführt, das von Schülern und Eltern mehrheitlich und von den Lehrern knapp befürwortet wurde.

Geschichte und Kultur waren schon immer Steckenpferde von Walter Först. Foto: privat

Die einschneidendste von außen auferlegte Veränderung war die Umstellung auf das achtstufige Gymnasium mit anschließender Kehrtwende. „G8 wäre machbar“, so der Schulleiter. Doch die Schüler brauchen ein zusätzliches Jahr der Reife – für ihre eigene Entwicklung und auch im Hinblick auf das Hochschulstudium, ist Walter Först überzeugt. Deshalb hat er sich ausdrücklich für die Rückkehr zum G9 eingesetzt. Und auch anderweitig zeigte er Flagge für das RSG. So nahm er regelmäßig an Unternehmertreffen und städtischen Veranstaltungen teil.

Bei aller ländlichen Idylle, so macht manche gesellschaftliche Entwicklung doch nicht vor der Provinz Halt. Während es zu Walter Försts beruflichen Anfängen – „79 gab es keine Handys, kein Internet und nur armselige Ferneher“ –  in den Unterstufen noch „völlig problemlos“ zuging und erst die Mittelstufe Herausforderungen für die Pädagogen mitbrachte, hat sich dies im Laufe der Zeit nach unten verschoben. Vor allem beim Sozialverhalten gibt es zunehmend Defizite. „Da kommen wir uns manchmal vor wie ein Reparaturbetrieb“, sagt Walter Först.
Zunehmend Nachholbedarf
Aber auch hinsichtlich grundlegender schulischer Kompetenzen besteht zunehmend Nachholbedarf. So stellt der Schulleiter, der pro Woche noch vier Unterrichtsstunden gibt, immer häufiger bei den Schülern einen eingeschränkten Wortschatz fest. Mit einer gezielten Leseförderung (die fünften Klassen verbringen deshalb eine Schulstunde pro Woche in der Schulbibliothek) soll dem entgegengewirkt werden. Darüber hinaus versucht die „StiL“-Gruppe („Stark ins Leben“) mit verschiedenen Aktionen auch die Lebenskompetenz der Schüler zu stärken. Generell seien Lehrer heutzutage stärker als Pädagogen und Erzieher gefragt, schlussfolgert Walter Först. Er persönlich gehe immer noch „sehr gerne“ in den Unterricht und würde jederzeit wieder Lehrer werden.
Auch wenn die Leidenschaft für den Lehrerberuf auch nach vier Jahrzehnten vorhanden ist, gibt Walter Först nun den Schulleiter-Staffelstab weiter. Sein Nachfolger ist der Rothenburger Thomas Knäulein, der derzeit stellvertretender Direktor am Gymnasium Dinkelsbühl ist. Die wichtigste Aufgabe in den nächsten Jahren wird für ihn – und seine Amtskollegen in ganz Bayern – die Gestaltung des G9 sein.
Walter Först hat für seinen Abschied Wert darauf gelegt, dass sie musikalisch von den Schülern begleitet wird. Und deshalb gibt es morgen ab 11.30 Uhr in der Aula des Reichsstadt-Gymnasiums nicht nur viele Worte des Dankes zu hören, sondern auch das Orchester sowie den Unter- und Oberstufenchor. mes

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*