Fundgrube der Geschichte(n)

Rothenburgs Gästeführerverein bot zum Weltgästeführertag großes Programm auf

ROTHENBURG – Als wahre Fundgrube für Geschichte und Geschichten hat sich Rothenburg auch beim jüngsten Weltgästeführertag wieder gezeigt. Ganz zur Freude der vielen Besucher, die zu den insgesamt acht kostenlosen Führungen und Vorträgen der Gästeführer und einiger Experten kamen.

Helga Grund (Mitte mit Manuskript) hatte Interessantes zum Plönlein vorbereitet. Fotos: privat

Die eingegangenen Spenden fließen in diesem Jahr in voller Höhe und gleichen Teilen der Restaurierung von Haus 12 (Eigentümer: Verein Alt Rothenburg) und von Haus 10 (Eigentümer: Verein Kulturerbe Bayern) zu. Alt-Rothenburg-Vorsitzender Dr. Markus Naser hat am Samstag zum Start ins Programm des Weltgästeführertags über die Geschichte der Häuser und den derzeitigen Stand der Untersuchungen berichtet.

Nach neuestem Kenntnisstand sind die alte Bohlenstube und die Mikwe im Haus 10 mit dem Bau entstanden und werden auf 1409/1410 datiert. Die Häuser in der Judengasse wurden von der Stadt Rothenburg erbaut und vermietet. Die Judengasse war wohl kein reines jüdisches Wohngebiet. Die Untersuchungen sind momentan im vollen Gang und das beauftragte Unternehmen wird tatkräftig von ehrenamtlichen Helfern unterstützt.
Einen Blick in die Zukunft haben die interessierten Besucher auch erhalten. Der Eingangsbereich soll neben dem Zugang zur Mikwe auch für die Präsentation der jüdischen Geschichte Rothenburgs dienen. Im ers-ten Stock sollen die Bohlenstube und der zweite zur Straße liegende Raum als Büro für die beiden Vereine hergerichtet werden. Im hinteren Teil sollen Schlaf- und Badezimmer für die Wohnung eingebaut werden, die im oberen raumoffenen Dachgeschoss entsteht, wobei bewusst die Balkenkonstruktion zur Geltung kommen soll. Mit einem Augenzwinkern stellte Dr. Naser die Option in den Raum, dass Spender ab einer Höhe von 20000 Euro auch mal einige Tage probewohnen dürfen.

Oliver Gußmann und Camilla Ebert in St. Jakob.

Heilender „heiliger Sand“

Die Jakobskirche war nächste Station. Gästeführerin Camilla Ebert erklärte alte Werkzeuge und Berufe wie Steinmetze, Laufwerkhauer, Sailer, Zimmerer, Steinsetzer oder die Schmiede für die Werkzeugherstellung und -ausbesserung. Gemessen wurde mit Finger, Daumen, Fuß und Elle. Anschaulich wurde das mit einem Seil präsentiert. Beim Gang um die Kirche zeigte und erklärte Camilla Ebert die sichtbaren Steinmetzzeichen. Auch Kratzspuren, Wetzspuren der Lanzen von Soldaten waren sichtbar. Der „heilige Sand“ der so entstand, soll heilende und schützende Wirkung gehabt haben.
Gästepfarrer Dr. Oliver Gußmann erläuterte am Ölberg die Bedeutung der Figuren. Die waren auch zeitweilig ausgelagert und kamen dann aber wieder an ihre alte Stelle im Ölberg. Ölberggruppen entstanden als christliche Andachtsstätten, nachdem die Kreuzzugsideen aufgegeben und der Zugang zum Heiligen Land für längere Zeit unmöglich wurde. Über die Sakristei ging es ins Hauptschiff. Beim Übergang zum Ostchor war mal ein Lettner angedacht, das sieht man noch an der Abschrägung des Fens-ters am Altar des Ludwig von Toulouse. Das Heilig Geist Loch diente während der Bauarbeiten an der Kirche als Durchzug für Baumaterial ins Dachgeschoss. An Himmelfahrtstagen zog man hölzerne Christusfiguren nach oben. An Pfingsttagen warf man Rosenblätter oder brennende Holzwolle hinunter zur Erinnerung an die Feuerflammen des Heiligen Geistes auf den Köpfen der Jünger beim ersten Pfingsten (Apostelgeschichte 1).
Sadie Walkers Geige
Die Tour mit den Gästeführern Werner Weber und Karin Bierstedt startete am Hornburgweg vor dem Rödertor. Die Auffüllung des Wallgrabens ist deutlich sichtbar. Der Torbogen am Rödertor wurde mehrfach repariert und schließlich erhöht sowie die ganze Basteianlage immer wieder Veränderungen erfahren hat. Auch zwei Linden die vor dem Tor gepflanzt waren, gibt es nicht mehr, nur noch die Erinnerungstafeln aus Stein.  Ein Vorgängerbau mit der alten Hausnummer 904 musste Anfang des 20. Jahrhunderts dem neu errichteten Amtsgericht weichen. Aus aktuellem Anlass zum Tod von Gertrud Schubart kam hier auch die tragische Geschichte der amerikanischen Geigerin Sadie Walker zur Sprache. Sie musste ab 1942 in einer Euthanasieanstalt verbringen, kam danach wieder nach Rothenburg, wo sie am 2. November 1948 starb. Sie hinterließ eine Geige, die lange Streitanlass war.
Irmgard Endlein und andere Anwohner verfolgten die Geschichten um die alten Hausnummern und Eigentümer gespannt. Die noch unbebauten Grundstücke sind teilweise auf Kriegsschäden zurückzuführen, bzw. der ehemaligen landwirtschaftlichen Nutzung geschuldet. Mit dem geplanten Ensembleschutz im Zuge einer Ergänzung der Denkmalliste für Rothenburg könnte der Bestand  auch in der Zukunft erhalten bleiben.
Am abgetragenen Ruckesserturm ging es wieder in die Altstadt. Die Höhenunterschiede der Wallgräben mussten überbrückt werden. Spuren der alten Außenbefestigung sind am Gasthaus „Landwehr am Turm“ genauso sichtbar wie der kürzlich geänderte Schriftzug im Giebel. Die Überbrückung des ehemaligen Feuergrabens beim Café Uhl ist so gelungen, dass sie im ersten Moment gar nicht auffällt. Bäcker Härdtlein zahlte dem damaligen Glockenwirt Anfang des 20. Jahrhunderts 1000 Golddukaten. Nach dem Abriss wurde das Wohnhaus der Glocke dann so zurückgesetzt wiedererrichtet,  dass der Bäcker aus seinem Haus am Eck Neugasse auf den Marktplatz schauen konnte.

Ina Elser (mit Manuskript) und Horst Fechner (daneben, mit Brille) führten durchs „Lebenslust“.

Einblicke in Hausgeschichte

Gästeführerin Ina Elser hat die Besichtigung des Cafés Lebenslust initiiert. Ihre Freunde Sonja Rüter und Horst Fechner zeigten den interessierten Besuchern die Entstehungsgeschichte des Hauses an der Ecke Klostergasse/Kirchgasse auf. „Das Haus hat uns gefunden“ sagte Herr Fechner und ist heute dem strengen Reglement des Denkmalschutzes dankbar, dass im Haus die verschiedenen Epochen als noch sichtbare Spuren vorhanden sind. Im hinteren Teil des Hofes waren die Stallungen. Auch ein eigener neun Meter tiefer Brunnen wurde wiederhergerichtet. Im riesigen Keller waren auch die Eiskeller der ehemaligen Brauerei untergebracht. Das heutige Café war die ehemalige Brauerei. Frau Rüter zeigte  auch die privaten Wohnräume in der ersten Etage und die wunderbare Dachterrasse. Ein gelungenes Beispiel eines Mehrgenerationenobjektes und eines spannenden gastronomischen Konzepts.
„Klein-Montmartre“ und Ikone
Gästeführerin Helga Grund nahm ihre Gäste mit auf eine Exkursion ins Rothenburg des 14. Jahrhunderts – erster Ankunftsort Plönlein. Der steile Aufstieg entlang des alten Kreuzweges machte deutlich, dass es hier Vorspannpferde benötigte, um die Fuhrwerke sicher hinauf und mit dem Radschuh oder Bremsschuh wieder hinunterzubringen. Die Vorspannpferde standen beim Glockenwirt.
Von der historischen Anreise im Pferdefuhrwerk über eine Begriffs- und Ortsbestimmung des Plönleins, bis zu dessen Bedeutung als „Logistikzentrum“, „Klein-Montmartre“ und Touristenikone – all die Facetten dieses besonderen Ortes in Rothenburg wurden anhand von geschichtlichen Fakten, Bildern, Anekdoten und Zeitungsartikeln präsentiert und erlebbar gemacht. Auch kleine Spitzen gegen das Stereotyp des Rothenburgers durften nicht fehlen und verwiesen ihn ins „Roetheburcher Eck in Himml“ (Gertrud Schubart). Schließlich rundete eine virtuelle Zeitreise durch die Geschichte die Führung ab und katapultierte das Plönlein und seine Besucher in die digitale Zukunft
Eine kleine Anekdote war auch Thema: Der frühere Glockenwirt liebte Aale. Einer hat bei einem Fluchtversuch durch die Fischtröge sein Leben in der Verbindungsröhre verloren und eine Überschwemmung verursacht, die die anderen Aale die Kobolzeller Steige hinuntergeschwemmt hat.

Robert Frank und Andrea Neidhardt im Klostergarten.

Spurensuche nach Klosterkirche

Im Klostergarten waren die Ausmaße der ehemaligen Kirche des Dominikanerinnenklosters abgesteckt. Als „Nordenbergerin“ wies Gästeführerin Andrea Weinhardt auf die großzügige Stiftung der Kirche durch die Reichsküchenmeister von Nordenberg hin. Gästeführer Robert Frank lud die Gäste ein, sich als Bauforscher mit auf die Spurensuche nach der Kirche zu begeben. Auf dem Flipchart mit Drucken, Gemälden, Grundrissen und Skizzen aus verschiedenen Jahrhunderten entstand ein Bild der Kirche, das sich die Gäste gut vorstellen konnten. Die Kirche – besser wohl das Material – wurden 1812 verkauft und abgerissen. Die Westfassade ist noch rudimentär vorhanden. An den noch vorhandenen Mauerteilen begann die Spurensuche.
Die Westfassade und Teile der Südwand des Dormitoriums sind noch nachweislich von 1265. Die Nonnen hatten sechs Gebete in 24 Stunden zu absolvieren. Das Nachtgebet fand im Dormitorium statt, aber bereits um 0.30 Uhr ging es in der Kirche weiter. Die Empore war vermutlich einst sehr weit vorgezogen, damit die Damen beim Gebet nah am Hochaltar waren. Der südliche Teil des Kreuzganges ist nicht mehr im Original erhalten, das zeigte der Vergleich zu früheren Aufnahmen. Eine Doppelpforte gibt einen Hinweis darauf, dass auch Pilger willkommen waren. Fünf Altäre können archivalisch belegt werden, von zweien auch der genaue Standort. Ausgrabungen im Jahr 1979 im Klosterhof weisen wohl auf Spuren des ehemaligen Hofes der Reichsküchenmeister hin und reichten bis in eine Tiefe von drei Meter.
Denkmal-Experte informierte
Eduard Knoll ist seit einigen Jahren im Netzwerk Denkmal aktiv. Er und seine Mitstreiter versuchen die Beteiligten und Betroffenen zum Thema Denkmalschutz besser zu informieren. Denkmalschutz ist eine staatliche Aufgabe und gesetzlich geregelt. Denkmalpflege ist der Erhalt eines Denkmals, wie er im Sitzungssaal des Rathauses erläuterte.
Ein Denkmal, so Knoll, ist von Menschen erschaffen, aus vergangener Zeit, auch als Teilbestände eines Gebäudes mit ihren integralen Bestandteilen, Möbeln oder Gärten. Es wird in einer Denkmalliste geführt. In Bayern kann es auch nachträglich dort aufgenommen werden. Damit entstehen für die Eigentümer Verpflichtungen. Eduard Knoll und seine Kollegen plädieren dafür, dass einem Käufer, Investor oder Erben vor dem Erwerb eindeutig kommuniziert wird, dass er ein Denkmal erwirbt.
Er erklärte, dass zwischen Konservieren, Instandsetzen, Restaurieren, Renovieren, Rekonstruieren und Modernisieren durchaus Unterschiede in der Außenwirkung sind und wies auch auf die entsprechenden Artikel in den unterschiedlichen Gesetzen hin. Um die Übersicht zu behalten empfiehlt Eduard Knoll allen, gut zu planen und sich mit oft hochbezuschussten Voruntersuchungen Klarheit zu schaffen, ob das Vorhaben zu stemmen ist. Wer gut plant, dokumentiert und den Überblick behält, hat auch langfristig Freude an einem Denkmal.
Mit „pittoreskem“ Schlusspunkt 
Edith von Weitzel-Murdersbach fragte abschließend im Sitzungssaal des Rathauses „Wie kommt Rothenburg nach London?“ Warum ist „pittoresk“ ein Thema für den Tourismus? Sie zeigte das im 19 Jahrhundert von Künstlern geprägte Bild vom romantischen Rothenburg. Darunter waren bekannte englische Künstler, wie Elias Bancroft. Die Bilder fanden ihre Bewunderer im England der Industrialisierung. England hatte massive Probleme mit den Arbeitern, die in unzumutbaren Verhältnissen wohnten. Industrielle sahen die Notwendigkeit, Verbesserungen einzuführen.
Die ersten Aufträge für Gartenstädte kamen auf. Was bedeutete die Gartenstadtbewegung? Eine Gartenstadt sollte höchstens 30000 Einwohner haben. Die Wohneinheiten sollten modern gestaltet sein, Platz bieten, Garten und Grünflächen haben, alle Infrastruktureinheiten vorweisen und gleichzeitig kurze Arbeitswege zu den Industrieanlagen bieten. Wo gab es Vorbilder? Rothenburg wurde das Paradebeispiel einer pittoresken Gartenstadt und diente als Vorbild für die Gartenstädte Hampstead bei London und Hellerau bei Dresden. Das Thema ist noch nicht nachhaltig erforscht. Am 5. und 6. April läuft dazu das Symposium „Rothenburg ob der Tauber als Landschaftsgarten“ im Wildbad. kb/FA

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