Das Dämonische im Schönen

Fränkischer Sommer begeisterte mit intensiven Mozart-Interpretationen

ROTHENBURG – Mit Mozart kann man nichts falsch machen. Jeder mag ihn. Als Everbody‘s Darling erschien er dennoch nicht in diesem Er-öffnungskonzert des „Fränkischen Sommers“, sondern in seinen tiefs-ten Charakterzügen. Die Kulturreihe des Bezirks vereinte vor ausverkaufter Reichsstadhalle eine der populärsten und eine der selten aufgeführten Kostbarkeiten aus dem Köchelverzeichnis in einem Programm

Die Solisten mit dem Ensemble unter Leitung von Julian Christoph Tölle Fotos: Düll

So unterschiedlich sie sind, die g-Moll-Sinfonie (KV 550) und diese aus einer unvollendeten c-Moll-Messe von Mozart selbst kreierte Kantate „Davide Penitente“ – beide eint auch etwas: Die großen düsteren Gefühle und die heilsame, erlösenden Kraft der Musik.

W. A. Mozarts Tonkunst ist zutiefst schön. Sie geht aber auch „unter die Haut“, brennt sich in die Brust, je nach Fiebergrad der Leidenschaften, die da besungen und verklanglicht werden. Dabei gehört die g-Moll-Sinfonie zu den besonders visionären Werken des Salzburgers. Sie steckt voller weit in die Zukunft weisender Kühnheit. Gut und gerne ließe sie sich mit einem großen romantischen Orchester aufführen. Aber auch das Gegenteil kann spannend sein, wie das L‘Orfeo Barockorchester hier bewies. Das hoch feine Spezialisten-Ensemble für Alte Musik und gefragte Opernorchester zeichnet sich durch einen erfrischend eigenen Zugriff aus, der dem Süffigkeitsbedürfnis gegenüber dieser Ohrwurm-Sinfonie Einhalt gebietet, zugleich aber die Wucht des Werkes entfesselt. So entfalten die vier Sätze, insbesondere das Menuett und das Finale, ihre zwischen Dämonie und Ohrenschmaus schwebende Magie.

Ähnlich und doch sehr eigen wirkt das Oratorium „Davide Penitente“ im zweiten Teil des Konzerts. Als ein ständiges Expressivo praktisch ohne Verschnaufpause  besingt es das Flehen, die Pein, die dunklen Momente des alttestamentarischen König Davids. Im Ton bewegt es sich zwischen biblischem Ernst und melodienseliger italienischer Oper.

Beide Wesenzüge verbindet das Orchester unter der Leitung von Julian Christoph Tölle und dem glänzend beweglichen und transparent agierenden Kammerchor der Universität Erlangen-Nürnberg zu einer leuchtend emotionalen bis bebend dramatischen Einheit. Aus den Sätzen mit Chor klingt das Barock, ein Ton, der an die großen Oratorien J. S. Bachs erinnert. Die Arien, das Sopran-Duett und das Terzetto könnten genauso gut auch einer Oper entstammen.

Gesangs- und Instrumentalstimmen trennt kaum etwas. Bisweilen werden ers-tere gefordert, als wären sie Violinisten, für die Kaskaden an Sechzehteln zum Standard gehören. Alle drei Gesangssolisten bestachen durch beseelte Brillanz.

Mit ebenbürtiger Ausdruckskraft und jeweils eigenem Stimmcharisma fesselten die beiden Sopranistinnen: Heidi Elisabeth Meiers lyrischer Sopran strahlt etwas mehr nach außen, Nuria Rials Gesang erfüllt eine besondere Innigkeit.

Mit charaktervoller Anmut und Klarheit sang sich auch Tenor Jörg Dürmüller bei seiner Arie schnell in die Herzen der Zuhörer. Man merkte allen dreien ihre reiche Erfahrung als Opernsänger an. Die Partitur ist gespickt mit ungeheuer ausdrucksvoll-zierreichen Finessen. Koloraturen wachsen sich zu wahren Ausdauerläufen mit rasanten Sekundgängen aus. Intervallsprünge von teils mehr als einer Oktave, oder auch mal einer Septime zählen zur Handschrift Mozarts. All das ist in dieser Aufführung mit Bravour umgesetzt.

Der „Star“ an diesem Abend allerdings ist das Ensemble. Das Zusammenwirken könnte kaum homogener sein, könnte kaum besser die emotionale Kraft und die Finesse Mozartscher Musik erfahrbar machen.

Für kurz herrscht fast andächtige Stille nach dem Schlussakkord. Dann bricht sich nachhaltige Begeisterung Bahn – im rauschenden, anhaltenden Applaus eines sich von den Sitzen erhebenden, die Künstler feiernden Publikums. hd

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